Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
507
 
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langen Aufzügen vor ſeinen eigenen Augen vorüberziehen; ja in ſeinen eige⸗ nen Thälern das Vlut der Brüder fließen, und hörte auf ſeinen eigenen Bergen den Donner tödtender Feuerſchlünde brüllen! Das Drama ging indeſ⸗ ſen vorüber, die Nollen ſind ausgeſpielt, der Vorhang iſt ge fallen; aber, leider, ſchmerzliche Erinnerungen und Narben ſind geblieben, Spuren tiefer

Wunden! Ein herrliches Panorama breitet ſich um Innsbruck aus, dem nur gegen

Norden die erwähnte Verg⸗Kortine einen Abbruch thut; der Inn gibt dem Bilde viel Anmuth, und das Schloß Ambras und das romantiſch gelegene Dorf Mühlau gehören zu den reizendſten Punkten in demſelben; ſo wie das ganze Innthal unter die ſchönſten Thalgründen der Monarchie ſich anrei⸗ hen darf.

Ungefähr eine Poſt⸗Station am Innfluſſe aufwärts, iſt eine Gegend durch ein romantiſch⸗geſchichtliches Ereigniß merkwürdig; bier trifft man näm⸗ lich die, durch das Abenteuer Kaiſer Maxmilians I. im Jahre 1495 bekannte Martinswand, unweit dem Dorfe Zirl. Schon von weiter Ferne hebt der Fels, gleichſam im ſtolzen Andenken an die Wunderbegebenbeit auf ſeinen Höben, das kahle Haupt gegen Himmel, und lokt den Wanderer zu ſich. Ange⸗ kommen an ſeinem Fuße, ſieht man ſich auf der Poſtſtraße; hart an derſelben rauſchen auf einer Seite tief unter dem Abhange die Wogen des Inn, auf der andern erhebt ſich die Wand, eine kahle, ſteile Felsmauer, in der bei einer Höhe von 600 Wiener Fuß ſich die Höhle eröffnet, in der dem großen Kaiſer ein ſchaudervoller Tod drohte. Dieſelbe mißt 15 Fuß in der Höhe, in der Länge 7080, in der Tiefe gegen Weſten 12, gegen Oſten 3 bis 4 Fuß, wirb aber durch ein natürliches Felſengewölbe weit überragt. Am öſtlichen Rande des Abſturzes iſt ein 13 Fuß hohes Kreuz nebſt zwei Standbildern durch Eiſenklammern in dem Felſen befeſtigt, die vongder Tiefe aus betrach⸗ tet, zur ſcheinbaren Größe ſchwacher Grashälmchen hinſchwinden.

Hierher, erzählt man, hatte auf einer Gemſenjagd ſich Kaiſer Maxmi⸗ lian verirrt, war endlich über einen Felſen geſtürzt, und unbegreiflicher Weiſe in dieſe Höhle gerathen, von wo er keinen Ausweg mehr fand, da die gräu⸗ liche Martinswand zu ſeinen Füßen in die ungeheure Tiefe ſich erſtrekte. Das Volk, das ihn lange vergeblich ſuchte, erkannte endlich ſeine ſchrekliche Noth, war aber außer Stande ihm Hilfe zu leiſten; denn wer ſollte die ſteile Wand erklimmen, wer die Höhle erreichen, zu der kein Pfad führte, und keine Stelle, die ein menſchlicher Fuß mit Sicherheit betreten konnte? Der Kaiſer bereitet ſich zum Tode, zum Tode des Verhungerns. Trefflich ſingt Col⸗ tin, der dieſe Jammerbegebenheit im poetiſchen Glanze darſtellte:

Wo die Luft ſo leicht, wo die Sonne ſo klar, Wo die Gemſe nur ſpringt, nur horſtet der Aar, Wo das Menſchengewühl zu Füßen ihm rollt, Wo das Donnergebrüll tief unten grollt;

Da ſteht des Kaiſers Majeſtät,

Soch nicht zur Wonne hoch erhöht.

Jammer herrſchte unter dem Volke, deſſen Klagetöne, wie ein dumpfes Echo zu den Ohren des Monarchen drang, deſſen Herz, des nahen Todes gewiß, ſich dem Schöpfer im Vertrauen zund Gebete empfahl; ſchon kniet er, den Se⸗