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—„Nun,“ entgegnete ich entmuthigt,„ich habe es nicht mehr, der alte Unteroffizier hat es.“
„Wo iſt er,“ fragte ſle. a
—„er iſt geblieben— bei Leipzig„erwiderte ich.
„Nein, Vomben und Granaten! Ich bin nicht geblieben!“ rief eine Stimme hinter uns,„und da komme ich, wie es ſcheint, ganz zu gelegener Zeit. Mein Lieutenant, erkennen Sie mich wieder?“
—„Wie? du lebſt noch?“ rief ich und ſchloß den alten Kriegsmann an mein Herz.
„Wie Sie ſeben. Ich komme aus dem Leipziger Hoſpitale. Es ſcheint ſich viel verändert zu haben und der kleine Korporal... Doch ſtill; davon ſprechen wir ein andermal. Mein Herr Lieutenant da, Jüngferchen, hat ſich brav geſchlagen; ich ſah ihn das Kreuz aus dem Baume nehmen, es küſſen und es da unter die Uniform ſteken, wo ich es jezt habe. Ich folgte ihm überall. Er ging ins Feuer wie zum Tanze, Bomben und Granaten! In Dresden war er bereits Sous⸗Lieutenant. In Leipzig, als man über die Brüke drängte, ſah ich ihn dem Feinde kek ertgegen treten und ſagte:„Herr Lieutenant, das geht nicht, wollen Sie mit aller Gewalt hier bleiben?“ Dann erlaubte ich mir, ihn an den Schöſſen zurükzuhalten, und ſagte:„Mein Herr Lieutenant, denken ſie denn nicht daran, daß Sie ein Pfand zurükzubringen haben?“ Er ſah daraus, daß ich von der Geſchichte wußte und ſagte:„Ich habe dich ir⸗ gendwo geſehen, da hier haſt du das Kreuz, trage es nach Croiſſey zurük; mich brükt es auf dem Gewiſſen. Ich habe keine Freunde und will das Mäd⸗ chen nicht zwingen, will mir eine Frau nicht erkaufen, ſondern lieber ſterben, um dem Mädchen die Freiheit zu geben. Geh, rette dich; die alten Schnurr⸗ bärte mögen nach Frankreich zurükkehren; beide brauchen einander.“ Ich wollte einen Sermon halten, aber pah— da war er ſchon weit fort. Ich wurde in der Verwirrung mit fortgeriſſen und ſo zwiſchen zwei Pulverwagen gequetſcht, daß ich elf Monate lang im Bette bleiben mußte und fünfzehn Pflaſter zur Geſellſchaft hatte. Und da bin ich nun.“
—„Verzeihung!“ rief Chriſtine und warf ſich liebevoll in meine Arme.
„Ich war dir zu tren und ich will dich nun doppelt lieben.“
„Das Kreuz! Das Kreuz!“ rief Eugen, ſie nachahmend.
—„Da iſt es,“ ſprach der alte Unteroffizier.
Chriſtine nahm es, hielt es zwiſchen unſere Küſſe und ſagt:„Es möge ſie heilig machen.“
Jezt ſind wir Mann und Frau und werden alt. Der Unteroffizier blieb bei Waterloo. Eugen und ich, wir haben Glük bei unſerer Arbeit gehabt; wir führen die Auſſicht über die Fabriken des Herrn von V. und wohnen in einem kleinen netten Hauſe; alle Abende ſeze ich mich unter den Eibenbaum von Croiſſey, um da mein Pfeiſchen zu rauchen.
Die Hyäne.
Die Hyäne galt bisher dem Naturſorſcher für ein gar nicht, ober aus⸗ nehmend ſchwer zu zähmendes Thier; um ſo intereſſanter iſt nachſtehende That⸗


