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Chriſtine ganz träumeriſch wurde und ihr Herz ergriffen ſchlen. Eugen lächelte, wenn ſeine Schweſter bei einem Blik des Lieutenants roth wurde, und eines Tages nahm er Beide bei Seite und ſagte: 5
„Meine Lieben, ich bin ſehr glüklich. Karl liebſt du meine Schweſter?“
—„Ja,“ entgegnete Karl, indem er Chriſtine anblikte und die Hand derſelben ergriff. a
„Chriſtine, liebſt du unſern Karl?“
—„Ach, ja, lieber Bruder.“
„Mehr als mich?“
—„Anders.“ g
Denken Sie ſich meine Freude, denn der Lieutenant Karl war ich, ich, der ich die freiwillige und ungezwungene Liebe des jungen Maͤdchens erhalten wollte. Ich kniete vor ihr nieder.
„Chriſtine“ fuhr Eugen fort,„willſt du ihn heirathen?“
—„Nein,“ entgegnete ſie betrübt, aber entſchloſſen,„nein, ich habe es einem Andern verſprochen— ich bin Braut.“
„Thorheit,“ meinte Eugen.„Wie, einen Mann, den du nicht geſehen haſt, der nichts forderte, der vielleicht häßlich war, oder alt, oder was weiß ich? Kurz ein Mann, der ſich nicht zeigen wollte, und der jezt ohne Zweifel todt iſt.“
—„Todt, Eugen? So wäre er für dich geſtorben. Haſt du das glük⸗ liche Jahr vergeſſen, das du ihm verdankt und deſſen Preis ich bin? Das iſt heilig. Iſt er geſtorben, ſo werde ich das Pfand wieder erhalten und werde um ihn trauern, wie um einen Bräutigam. Iſt er nicht geſtorben, ſo muß ich warten.“
„Sind denn die beiden Jahre nicht vorbei?“
—„Sind ſie vorbei, ſo werde ich noch immer auf ihn warten, denn er rechnet auf mich, Ler iſt arm, verlaſſen, hat auch keine Familie. Ach nein, wenn er nur wiederkäme und mir mein goldenes Kreuz wiedergäbe, damit ich Fe
Eugen wollte böſe werden, aber ich unterbrach ihn. Ich kniete noch immer.
„Chriſtine, Eugen,“ ſagte ich,„es iſt Zeit, daß Ihr Alles wißt. Ich bin es, lieber Freund, der für dich eintrat; ich hörte, auf dem Eibenbaume verſtekt, euern Abſchied; ich ging mit dem Pfande Ehriſtinens fort, ich liebe ſie und verlange vor ihr auf den Knien den Ring meiner Mutter von ihr zurük.“ a
—„Du, du?“ riefen Beide zu gleicher Zeit.
Chriſtine hatte bereits denn Ring und den Brief mit demſelben aus ihrem Vuſen gezogen, aber mit einemmale hielt ſie ein.
„Täuſcheſt du mich auch nicht?“ ſprach ſie;„iſt es möglich? Ein ſolcher Zufall! Ach Gott, wie glüklich würde ich ſein! Aber du haſt dich mit mei⸗ nem Bruder verabredet; er hat dir das Geheimniß verrathen. Wo iſt das gol⸗ dene Kreuz?“
—„Du willſt mir nicht glauben?“ fragte ich;„ſpricht nicht die Wahr⸗ heit aus mir? Auf mein Ehrenwort!““
„Das Kreuz! Das Kreuz!“ wiederholte ſſe.


