Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
474
 
Einzelbild herunterladen

474

Ach, liebe Chriſtine, ſagte Eugen,gib her den Brief. Ich dachte nur an mich und vergaß Alles. Laß ſehen, wer an dich zu ſchreiben wagt 1

Und er durchlief den Brief.

Lies laut, rief ihm Chriſtine zu.Es mag darin ſtehen, was will.

Eugen las ganz laut:

Mademoiſelle,

ich verlange nichts, ich gehe ohne Bedingung und erſeze Ihren Bruder; Sie brauchen ihn und mich braucht Niemand. Aber ich bin gut und liebe Sie, ſeit ich Sie habe weinen ſehen; wenn Sie Mitleid mit mir haben, ſo nehmen Sie das goldene Kreuz, worin ſich weiße Haare von Ihrer Mutter befinden, und das an jenem Abende im Mondenſcheine an Ihrem Halſe glänzte, und legen es in die Spalte, welche ſich oben an dem gro⸗ ßen Eibenbaume ganz dicht an den Aeſten befindet. Morgen früh werde ich es abholen. Dann warten Sie zwei Jahre, und wenn ich nicht geſtor ben bin, bringe ich es zurük. Erinnern Sie ſich, daß Sie auf dieſes Kreuz einen Eid geſchworen haben!

Was bedeutet das? fragte Eugen langſam.Wie konnte man wiſ⸗ ſen 2 Herr Unteroffizier, begreifen Sie das?

Es hat Jemand neben euch gelauſcht.

Warum nicht offen zu mir kommen? fuhr der junge Mann ſort.

Ach, antwortete der alte Kriegsmann,man fürchtet ſich, wie ein Spion aufgenommen zu werden, und dann iſt man jung und hat Romane gele- ſen. Man kann ſchreiben und man fürchtet ſich zu reden, weil man nicht daran gewöhnt iſt. Das iſt die Sache.

Eugen ſchüttelte den Kopf.

Herr Unteroffizier, ſagte er endlich,die Hand! Ich mag dieſen Stellvertreter nicht; meine Schweſter ſoll nicht geopfert werden. Ich gehe mit Ihnen, hören Sie? Und er nahm ſeinen Abſchied und wollte ihn zerreißen, Ehriſtine aber hielt ihm die Hand und ſagte:

Wenn ich nun aber will? Es iſt gut, was er da gethan hat und dann geht 5 auch ohne Bedingung; ferner iſt er unglüklich ich habe nur dies Mittel, ihn zu behalten, und ich will ihn lieben, ich will! Uebrigens hat er wohl daran gethan, ſich nicht zu zeigen vielleicht wäre ſeine Abreiſe zu ſehr bedauert worden. Ich werde mein Kreuz hintragen aber wiſſen möchte ich... Herr Unteroffizier, haben Sie ihn geſehen?

Ein wenig.

Nicht wahr, er iſt nicht bukelig, nicht lahm?

Dummes Zeug. Beſteht die franzöſiſche Armee aus Lahmen und Buke⸗ ligen, und nicht aus Leuten, die, was den Körper betrifft, untadelitz und ſonſt keine Gelbſchnäbel ſind?

Iſt er ein guter Menſch? fragte Eugen.

Sehr gut, dafür ſtehe ich.

Nun, Herr Unteroffizier, ſagte Chriſtine, indem ſie das Kreuz mit dem ſchwarzen Bande von dem ſchönen Halſe nahm,ſagen Sie ihm, er habe ſeine Sache gut gemacht und ſteken Sie das Kreuz ſelbſt in den Riß des alten Eibenbaumes. Nachher ſagen Sie ihm nichts weiter, hören Sie! Suchen Sie aber, mit ihm wieder zurükzukommen, damit Sie zu mir ſagen können: