Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
466
 
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Ich ſtieg in ſeinen dichten Wipfel hinauf und ließ mich auf den Zweigen von dem Winde wiegen, 120 F. hoch über der unermeßlichen Ebene, über welcher ich allein zu ſein glaubte, wie ein beobachtender Adler. Uebrigens lief ich nicht Gefahr, herunter zu fallen oder geſehen zu werden. Sie bemerken ſeine tauſend gleich Wurzeln orrſchlungenen Zweige, die eben ſo geeignet ſind, zu verhüllen, als den menſchenſcheuſten und ſchwerſten Philoſophen zu tragen.

Eines Abends war ich ebenfalls auf meinem Poſten; der Mond ging auf, groß wie eine Sonne; der Wind rauſchte klagend in den Blättern um mich; die Wetterfahne auf dem nahen Dorfkirchthurme kreiſchte bisweilen, und mit ten in dem Rauſchen des Fluſſes hörte man von Zeit zu Zeit ein Pfeifen oder das Knarren eines Fahrzeuges. Ich fing an einzuſchlummern; plözlich aber hörte ich unter mir etwas, das mich erwekte. Es war eine weibliche Stimme, oder vielmehr ein weibliches Schluchzen und ich hörte:

Zum lezten Male!

Dann glaubte ich etwas zu vernehmen, das wie ein Kuß klang, und tarauf die Stimme eines Mannes, der ſprach:Louiſe, faſſe Muth.

Dann ſezte die Stimme eines jungen Mädchens entſchloſſen und feſt hinzu: Nein, nein, nicht zum lezten Male! Nein, hörſt du? Ich will nicht.

Dieſe Bruchſtüke des Geſpräches wekten meine Neugierde, ich ſah durch die Zweige hinunter und bemerkte im Mondſcheine einen jungen Mann, einen Handarbeiter der Kleidung nach, der an ſeinem Hute den Bandbüſchel und die verderbliche Nummer trug. Mit ſeinem rechten Arme hielt er ein junges Mädchen, das an ſeiner Bruſt weinte, und die linke Hand gab er einem jün gern, das nicht weinte. Ohne Zweifel hatte dieſe geſagt:Ich will nicht. Ich erkannte leicht, daß ein Rekrut Abſchied nahm.

Arme Chriſtine, fuhr der junge Mann trübe lächelnd fort,ich babe dich zu ſehr verwöhnt, liebe Schweſter, dein Wille gilt hier nichts; ich bin hier nicht der Herr.

Aber, Bruder, du haſt mich erzogen, biſt alſo Familienvater. Du darfſt nicht fort; und du biſt auch verheirathet, denn Louiſe da iſt deine Braut und kann nichts ſagen, als weinen. Ach Gott!

Und die hübſche Widerſpenſtige, die in den bleichen Strahlen des Mon des ganz reizend ausſah, weinte endlich auch; ihre Thränen glänzten eine nach der andern auf ihren Wangen, und ihre Schultern drehten ſich bald rechts, bald links, wie die eines widerſpenſtigen Kindes, dem man den Willen nicht thut. Louiſe antwortete, von vielem Schluchzen unterbrochen:

Chriſtine, du... biſt nicht klug; nicht wahr.. Eugen. ſie iſt. nicht klug?

Arme Kinder! entgegnete Eugen ſanft und weich, und drükte ſie beide an ſein Herz.

5Nun, Louiſe! rief mit einemmale das junge begeiſterte Mädchen, beweiſe, daß du Muth haſt. Da er nicht auf uns hört, da er glaubt, wir könnten ohne ihn leben.. du ſiehſt da den Steinbruch.. er iſt tief, Louiſe. Komm, ſtürze dich mit mir hinunter. 8

Und ſie nahm wirklich die Hand Louiſens und zog ſie aus dem Arme Sugens.Jezt nicht, erwiderte dieſe,wenn er nicht mehr hier iſt.