Sonnabend, 25. Juli. 1855.
er Spiegel
Kunst, Eleganz und Mode.
(Achter Jahrgang.)
Man pränumerirt im Kommiſſionsamt iu Ofen (Feſtungsauffahrt), in Ferd. Tomalas Kunſthand⸗ lung zu peſih und bei allen k. k. Poſtämtern.
Halbſähriger Preis à fl., mit freier Poſtzu⸗ 2 ſendung 5 fl. Auf Velinpapier mit erſten 2 Kupferabdrülten 5 fl. und poſtfrei 6 fl. C. M. 2
Der Eibenbaum von Croiſſey, oder das goldene Kreuz.
(Aus dem Franzöſiſchen des Saint Aguet.)
Ich habe Ihnen verſprochen, zu erzählen, warum ich alle Abende ein Pfeiſchen unter dem Eibenbaume zu Croiſſey rauche.
Es werden nun zwei und zwanzig Jahre ſein; es war zu Ende des Jah⸗ res 1812, und ich bis dahin der Konſkription des Kaiſers entgangen, weil mich ein alter Oheim, ein Pfarrer in einem nahen Dorfe, für den geiſtlichen Stand erzogen hatte. Aber faſt um dieſelbe Zeit ſtarb mein alter Oheim, und der brave Mann, der den Armen ſogar ſein Hemd vom Leibe gab, hinterließ ſei⸗ nem Neffen nichts, als die Armuth, aus welcher er die Andern erlöſet hatte. Ich ſtand alſo im ein und zwanzigſten Jahre unabhängig, allein und ohne Vermögen in der Welt; mein Stand ſagte mir nicht zu; für einen andern wußte ich mich nicht zu entſcheiden, ich träumte von Glük und hatte kaum Sohlen auf meinen Stiefeln. Ich hoffte Alles und beſaß nichts, konnte we⸗ der einen Mann, noch ein Weib anſehen, kurz ich befand mich in dem Zu⸗ ſtande, in welchem man dem erſten beſten angehört; in dem man eben ſo leicht zu einem ehrlichen Manne, als zu einem Spizbuben gemacht werden kann.
Vis ich etwas hatte, wovon ich leben konnte, beſchäftigte ich mich mit Gedanken und begann hier häufig den Neubau eines Luftſchloſſes von geſtern, das in der Zwiſchenzeit zerfallen war. Ich ſchlenderte durch den großen Wald und befand mich vorzüglich gern auf einer von drei Seiten umſchloſſenen einſa⸗ men Wieſe. Die Ausſicht von da war reizend, aber ich erſann ein maleriſches Mittel, meine Empfindungen noch zu verdoppeln. 5
Dieſen rieſenhaften Eibenbaum da, der uns mit ſeinem Schatten kühlt und ganz am Rande eines Steinbruches ſteht, wählte ich mir zum Aufenthalte.


