Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
460
 
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Als Hauptgericht wird der Truthahn aufgetiſcht. Zarten Sinnes iſt dieſer Gebrauch, den rauhen Sitten der Vorzeit aber iſt ein anderer entnommen, der, ungeachtet aller Bemühungen der Regierung, zu Solero und in den umliegenden Orten noch immer fortwährt. Dort iſt es der Frau nicht geſtattet, mit ihrem Manne an einem Tiſche zu ſizen. In eine Eke des Gemachs verwie⸗ ſen, muß ſie dort auf einem Schemmel ihr Mahl einnehmen, während der Hausherr allein oder mit ſeinen Gäſten, ohne auf die Arme zu achten, an der Tafel ſchmauſet.

Muſikaliſcher Bürgerkrieg.

Die nachſtehende Anekdote wird den Leſern eine Idee von der eiferſüchti⸗ gen Wuth geben, welche die Korporationen im vergangenen Jahrhunderte ge gen einander hegten. Um den Wetteifer zwiſchen den beiden Konſervatorien in Neapel aufrecht zu erhalten, mußten dieſelben abwechſelnd in zwei Kirchen Muſik machen. Neapel wohnte dieſen muſikaliſchen Wettkämpfen höchſt zahl⸗ reich bei; reiche Leute gaben bis 5 Thaler, um einen Stuhl zu erhalten. Am Feſte der heiligen Irene ſollte das Konſervatorium dei Turchini auftre⸗ ten. Am Abende vorher aber ſchlichen ſich die Schüler aus dem zweiten zu ihren Nebenbuhlern, beſtachen die Domeſtiken und legten die Inſtrumente, welche gebraucht werden ſollten, ins Waſſer. Am andern Tage beſah man die⸗ ſelben weiter nicht und die Muſiker gingen damit in die Kirche 3 wie groß aber war ihr Erſtaunen, ihr Zorn und ihre Schaam, als ſie ſtimmen wollten. Die gebrükt volle Kirche brach in ein allgemeines Gelächter aus und man konnte nicht ſpielen. Die Gekränkten ſannen auf Rache. Am Tage des heil. Fran⸗ ziscus war die Reihe an den Schülern des Konſervatoriums des heil. Onofrio. Man pflegte in den Kirchen ein Orcheſter aus hohen zuſammengebundenen Ta⸗ feln zu bauen. Was thaten die Turchini? In der Nacht ſtahlen ſie ſich in die Kirche und ſägten alle Tiſchbeine halb durch. Am andern Morgen kamen ihre Gegner triumphirend an und ſtiegen auf das Orcheſter. Im Anfange ging Alles recht gut und das Gebäude hielt, weil nur ein Muſikus nach dem an⸗ dern ankam. Als aber Alle zugegen waren, als der Orcheſterdirigent das Zei⸗ chen zum Beginnen gab und dabei ſtark mit dem Fuße ſtampfte, brach mit ei⸗ nem Male das ganze Gerüſte zuſammen und Menſchen, Stühle, Kontrebäſſe, Violinen, Hörner, Alles fiel durch einander; die Saiten ſprangen; die Ver⸗ wundeten wehklagten; Inſtrumente waren zertrümmert, Rippen zerbrochen; Wehklagen, Gelächter, Verwünſchungen miſchten ſich unter einander zu der ſeltſamſten Muſik. Am meiſten beſtürzt war man, als man ſich wieder ein we⸗ nig geſammelt hatte, das man den Direktor lange nicht finden konnte, bis man ihn endlich, lebendig begraben, in der großen Pauke liegen ſah.

Die Ausrufer auf den Straßen in London.

Zuerſt kommt der Ganymed, der ſeine Waare ſeinen zahlreichen Abneh⸗ mern ankündigt. Sein Ruf gleicht dem, welchen ein Unglüklicher oben auf dem *