459
tu weißt doch wohl, wohin wir zu gehen haben.“—„Was ſoll das heißen? weißt du nicht wehr, daß ich eine Wunde habe?“—„Eine Wunde! und von wem in aller Welt, da du nicht aus dem Bett gekommen! Auf! auf! du haſt einen böſen Traum gehabt.“
Und ſo war es auch; ich hatte den Tiſch an das Bett gerükt, um mei nen lezten Willen aufzuzeichnen; ehe ich die Stelle voll geſchrieben, war ich eingeſchlafen und hatte Alles geträumt.„Alſo,“ ſagte ich ſeufzend,„müſſen wir noch einmal daran, und diesmal wird es Ernſt mit der Wunde!“—„Das wohl ſchwerlich, Gottlob!“ erwiderte Franz,„eben höre ich, dein Gegner, dem deine feſte Haltung bange gemacht, ſei geſtern Abend auf und davongegan—⸗ gen.“—„Wirklich“e fragte ich, ſo kalt ich nur konnte, und ſagte Gott im Herzen Dank dafür.„Ja,“ fuhr Franz fort,„ſo iſt's; aber komm, wir müſ⸗ ſen hinaus und eine Stunde auf den Schurken warten; ſo will es der Brauch.“ —„Von Herzen gern,“ erwiderte ich. In fünf Minuten war ich fertig und ſchritt, die Zigarre im Munde, rüſtig dahin. Ich geſtehe, ſeit vierundzwan⸗ zig Stunden hatte mir das Herz nicht ſo ruhig geſchlagen.
Wir trafen draußen den Sekundanten meines Gegners, ganz außer Faſ⸗ ſung über die Nachricht, die ihm eben zugekommen. Wir warteten eine ganze Stunde, kein Gegner ließ ſich bliken, da wandte ſich Franz an den Sekun⸗ danten:„Kapitän, Sie werden hoffentlich meinem Freunde bezeugen, daß er ſich als Mann von Ehre betragen?“—„Von ganzem Herzen,“ erwiderte der Kapitän, und wir ſahen uns alle drei nach einem guten Frühſtük um.
Volksgebräuche in Piemont. (Aus dem Echo.)
Zu Neibe, einem Dorfe in der Nähe der Stadt Alba, wird am 1 Mal unter den Mädchen die reizendſte, als Mai-Königin erwählt. Im welßen Gewande, mit Blumen bekränzt, ein Körbchen in der einen, einen blühenden Zweig in der andern Hand, macht ſie im ganzen Dorfe die Runde, tritt in jedes Haus, ſingt einfache Strophen freundlicher Wünſche, und empfängt die ihr von den Bewohnern gebotenen Gaben. Ihr Dank ſchließt immer mit dem Refrain:„Ben venga Maggio, ben torni Maggio“— Eben daſelbſt herrſcht ſeit undenklichen Zeiten eine andere Sitte, bei Hochzeitsſchmäuſen. Die Braut⸗ leute eſſen auf einem Teller, als Zeichen inniger Einigkeit; gegen den Schluß des Mahls wird auf einer großen mit Blumen bekränzten Schüſſel ein gebratener Truthahn unter Begleitung froher Muſik und erleſener Burſchen und Mäd⸗ chen herbeigebracht. Dreimal wird der Tiſch umkreiſet; die Burſche ſchießen unter dem wiederhohlten Ruf: hoch lebe die Braut! Piſtolen los. Der Bra⸗ ten wird dann wieder unberührt in die Küche gebracht, und dort bis zum näch⸗ ſten Sonntag bewahrt. An dieſem Tage erſcheint die Mutter der Braut zum erſtenmale in dem Hauſe des Bräutigams. Der Schmerz der Trennung von ih⸗ rer Tochter würde die Freude des Hochzeits ſeſtes geſtört haben. Diesmal iſt kein Gast geladen, die Mutter kann ſich ganz ihrem Gefühle überlaſſen.


