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Thüre und Fenſter die Titel aller Zeitſchriften, aller neuen Romane, die da zu finden, die pikanteſten Blätter des Charivari und der Karrikature; da ſteht man gegenwärtig Louis Philippe als Jongleur gekleidet, wie er die Freiheits⸗ kugel mittelſt eines Strohhalms auf der Naſe balanzirt. Die Rezenſtonen der meiſten Werke rühren von den Verfaſſern ſelbſt her. Der Buchhändler, der eine Annonce ſeines Verlagsartikels in ein Journal einrüken läßt, hat nämlich dae Recht, zugleich einen lobenden Artikel abdruken zu laſſen, der von mehr oder minder beträchtlichem Umfange ſein darf, je nachdem die Annonce mehr oder weniger Zeilen umfaßt. Dieſe Annoncen dilden einen großen Theil der Revenüen des Journals. Die Theater verſäumen auch nichts, um den Erfolg ihrer Unternehmungen zu ſichern; iſt ein Stük angenommen, ſo wird alsbald eine Annonce in die geleſenſten Blätter eingerükt:„Man ſpricht in der lite⸗ rariſchen Welt von einem neuen Vaudeville, das zu den pikanteſten dramati⸗ ſchen Erſcheinungen gehören ſoll,“ oder auch:„das Comité de lecture hat das Drama mit einſtimmiger Akklamation angenommen; der rühmlichſt be⸗ kannte Verfaſſer wünſcht ungenannt zu bleiben.“ Prozeſſe zwiſchen den Auto⸗ ren oder Schauſpielern und den Theateradminiſtrationen ſind mitunter auch recht energiſche Mittel, die Menge der Schauluſtigen herbeizuziehen, ſo habe ich den Direktor der Porte St. Martin ſtark im Verdacht, daß ſeine gericht⸗ lichen Händel mit dem Schauspieler Bolage, die nonne sanglaute betreffend, nur fingirt waren. Man ſieht, bei dieſer kleinen Abſchweiſung auf das Gebiet der Literatur haben wir uns von unſerem Gegenſtand durchaus nicht entfernt. So ſucht in Paris jeder Verkäufer die Sinne zu beſtechen und ſich die Kaufluſt geneigt zu machen, was man hier meiſterhaft verſteht. Man ſieht bier täglich tauſend und aber tauſend Dinge, die auffallen, weil ſie glänzen, die glänzen, weil ſie ſchön ſind, die Neid erregen, weil man ſie täglich brau⸗ chen könnte, die man liebt, weil man ſie gerne ſelbſt haben oder im Beſiz ge— liebter Freunde und Freundinen wiſſen möchte, wenn man Geld genug hätte, ſie zu kaufen. Aber Alles iſt hier ſehr theuer, und obſchon die gewöhnliche Schwindſucht hier eine häufig vorkommende Krankheit iſt, ſo darf doch wohl die Geldſchwindſucht noch mehr zu den hier angeſiedelten Epidemien gezählt werden. Was aber noch das Schlimmſte von Allem iſt, man wird in den Pa— riſer Laden ſein Geld auf eine Art los, über die man nicht böſe werden und gegen die man im Grunde nichts einwenden kann. Läßt man ſich nämlich ver— loken, in eine Bude zu treten, um Einkäufe zu machen, ſo iſt die erſte er⸗ freuliche Erſcheinung ein hübſches Mädchen oder eine ſchöne Frau am Zahltiſch, welche den Eintretenden freundlich und verbindlich empfängt. Wenn nun der Käufer ſeine Waaren auch mit dem Doppelten über den gewöhnlichen Kaufpreis einbandelt, kann er da in Zorn gerathen, vorausgeſezt, daß er ein artiger Menſch und kein griesgrämiger Engländer iſt? Von einem niedlichen Geſicht⸗ läßt man ſich überall gerne eine Schelmerei gefallen und Schönheit iſt immer ein Talisman gegen aufwallenden Zorn, ſelbſt wenn man geprellt wird. Das wiſſen auch die Franzoſen ſehr gut; denn hier beſorgen die Weiber Alles. Die Frauenzimmer der gewerbtreibenden Klaſſen ſizen den ganzen Tag über am Bureau, nehmen Geld ein, führen die Rechnung übers Hausweſen, beſchäfti⸗ gen ſich dabei mit Nähen oder ſonſt etwas Nüzlichem, oft jedoch auch mit etwas Unnüzem— mit Nomauleſen und Liebäugeln. So fleht man die Weiber in den


