Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
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Millelots Magazin im Passage des Panoramas funkelt von Kriſtal ta⸗ feln, von Vergoldungen und Verzierungen aller Art; wenn Abends das Gas⸗ licht ſeine weißen Lichtſtröme durch die zablloſen glaͤſernen Leuchtkugeln über alle die ſüßen Herrlichkeiten ausgießt, über die Zukerblumen und Zukerfrüchte und die feinen Iiqueurs des iles in ſchlanken blauen, grünen, rothen und weißen Flaſchen, dann koſtet's den Neuangekommenen in der That keine ge ringe Ueberwindung, ſich nicht von der Verſuchung hinreißen zu laſſen und von dieſen Herrlichkeiten zu koſten. Der Charcutier ſezt Blumenvaſen zwiſchen ſeine Würſte und ſeine Fromages de cochon; der Fleiſcher ſchlägt die Wände mit weißen Tüchern aus, ſeine Gigots ſind häufig mit Blumen geziert, auf den größern Fleiſchſtüken ſieht man wohl das Bild des Kaiſers oder des Père Enfantin ausgeſchnitten. An den Fenſterladen der Coiffeurs ſind die trans pa renten Seifenkugeln, die Vürſten vom feinſten Holze, die Parfümerien aller Art gar nett und lokend aufgeſchichtet; Wachsbürſten in voller Varure prunken dazwiſchen: ſchöne Jünglingsköpfe mit griechiſcher Geſichtsbildung, mit einer Coiffure à la Perinct le clere und um die Wangen ein Haarkollier à la jeune France; allerliebſte Frauengeſichtchen mit der etwas herriſchen Haltung und dem dreiſten Blike, der hier das ſchöne Geſchlecht charakteriſirt, friſirt à la Ferrannière oder wie ſonſt die neueſten Coiffuren heißen. Hier und da ſtoßt man wohl auch auf originelle Inſchriften: im pays latin befinden ſich deren nicht weniger als vier in vier verſchiedenen Sprachen an einer Friſeurbude für Studenten; die lateiniſche klingt folgendermaßen:

Hic fingit solers hodierno more capillos

Dextera, naturaeque novos ars addit honores. Hinter dem Palals⸗royal wohnt ein Genie, das hat ſeine Zuflucht zu einer Affiche genommen, des Inhalts: aux hommes sensibles. An einem ſolchen Zuruf geht nicht leicht Jemand vorüber. Der Mann empfiehlt denen, die ein empfindliches Kinn haben, ſeinen Savon onctueux pour la barbe. Es gibt auch Coiffeurs, welche ſich Profeſſoren nennen und Vorleſungen ankündi⸗ gen; erſtatten Berichte in den Modejournalen, ſie freuen ſich der Fortſchritte ihrer Kunſt, die ſich à Ia hauteur du siècle befinde. Ein Schneider hat kürz lich einen traite encyclopédique de l'art du tailleur herausgegeben: der Ver faſſer habe Alles geſchaffen, Ausdrüke, Prinzipien u. ſ. w., es ſei eine épopée didactique sur Part de s'habiller. Voltaire's Ausſpruch, die Fran⸗ zoſen haben keinen epiſchen Geiſt, hat demnach ein Schneider widerlegt; der Mann heißt Barde, ein ominöſer Name; er ſoll ſich mit einer Sammlung ver⸗ miſchter Gedichte beſchäftigen, unter denen ſich eine Ode auf die Calegçons be⸗ ſonders auszeichne. f n

In der eigentlichen Literatur finden wir einen noch thätigern, kekern Charlatanismus. Zuerſt kommen hier die Leſekabinette, gegenwärtig die wich⸗ tigſten literariſchen Inſtitute, denn es ſind die einzigen, welche zahlen. Sie werden meiſt von alten Jungfern gehalten, die den Ton in der Literatur an geben; ſie entſcheiden über das Schikſal der Autoren; ihr Urtheil iſt giltiger als das der geiſtreichſten Rezenſenten: ihnen verdanken Mortonval, Dinocourt, Ricard und ſo viele andere ſchlechte Romanfabrikanten ihren Ruf, wahrend Alfred de Muſſet, eine der originellſten Dichternaturen, ohne die Revue des deux Mondes nicht aufkommen könnte. Die Cabinets de lecture kleben an