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ſcher Sprache, weil in dieſen und den benachbarten Stadtgegenden die melſten vornehmen und reichen Fremden, beſonders Engländer und Nordamerikaner wohnen. Höchſt ſelten lieſt man an einem der großen Glasfenſter die beſcheide— nen Worte:„Hier ſpricht man deutſch.“ Außerdem haben aber die hieſigen Verkäufer noch eine auffallendere Art, die Augen anzuziehen. Vor vielen Kaufläden ſind nämlich große, wahrhaftige Gemälde ausgehängt, welche die Art des Verkehrs oder einen launigen, wizigen Einfall des Verkäufers ſinn— bildlich darſtellen. Dieſe Gemälde ſind oft ſo nekiſch, daß man unwillkürlich davor ſtehen bleibt. Am wunderlichſten ſind diejenigen, welche nach der An⸗ gabe von Weibern komponirt zu ſein ſcheinen. In der Rue Caquillière hängt ein Oelgemälde mit lebensgroßen Figuren; es hat die Ueberſchrift: A la Deesse de l'amour. Ein knieendes Mädchen empfängt aus den Händen einer Frau den Amor, nach dem ſie flehend die Hände ausſtrekt. Unten an der Haus⸗ thüre lieſt man die Anzeige, daß in dieſem Hauſe ein Nachweiſungsbüreau für Heirathsluſtige etablirt ſei. In einer andern Straße ſah ich einmal über dem Eingang eines Hauſes ein Bild, auf dem eine ältliche Dame gemalt war, welche den kleinen Liebesgott bei den Flügeln hat und an's Herz drükt, was anzeigen ſollte, daß dort eine Dame wohne, welche Verunglükten aus der Noth helfe. Auf einem Gemälde vor der Wohnung einer Hebamme iſt eine zierliche Frau abgebildet, welche die Schürze aufhebt, um ein aus den Wolken fallendes, neugeborenes Kind aufzufangen. Dieſe Anſchauung iſt für⸗ wahr poetiſcher, als diejenige, welche man uns in der Jugend einzuprägen pflegt, nach welcher nämlich die unſchuldigen Kleinen aus einem tiefen, tiefen Brunnen an's Tageslicht gezogen werden.— Das Schild eines Marchand de vin auf dem Quai de Bethune führt die Aufſchrift: Au pauyre diable. Ein Geiſtlicher ſizt an einem Tiſche mitten unter Lumpenſammlern, Plazbedienten und Kabrioletkutſchern; er hat mit der chriſtlichen Demuth auch den Anſtand abgelegt; ſein Geſicht iſt hochroth und er reicht gerade einem von den um ihn herumſizenden Vurſchen die Hand, während ein ſchwarzer Kerl aus dem unter— ſten Pöbel, der hinter ihm ſteht, ſich halb krank lacht, weil er dem geiſtlichen Herrn ſeinen Hut abgezogen und ſein kahles Haupt entblöſt hat.
Außer dieſen ſinnreichen, ſinnlichen und ſinnreizenden Mitteln entwikeln die Pariſer Kaufleute ihren angebornen Kunſtſinn noch in der Anordnung der Waaren ſelbſt auf die manigfaltigſte Weiſe. So hängen die Tuchhändler die Wollen und andere Zeuge nicht, wie es bei uns zu geſchehen pflegt, in Muſterkarten an den Fenſterladen auf, ſondern ſie breiten ihre Waaren gleich in ganzen Stüken vor Thür und Fenſtern aus. Die Stüke ſind aufgerollt und oft ſo groß, daß ſie vom zweiten, dritten Stok bis auf das Straßenpfla⸗ ſter herabreichen. Die Außenwände mancher Magazine ſind gleichſam mit farbi⸗ gen Teppichen und Shawls tapezirt. Die Seidenwaaren ſind binter großen, durchſichtigen Glasſcheiben aufgehängt; königliche Kaſchemirſhawls ſchlingen ſich zierlich durcheinander, und nicht ſelten ſteht man ganze weibliche Figuren, welche höchſt maleriſch drapirt und mit den feinſten Blonden und Spizen auf das Ver führeriſchſte herausgepuzt ſind.
In der Nue Vivienne trifft man die meiſten und ſchönſten Puzladen. Die neueſten Modehüte, die herrlichſten Gürtelmuſter, die kunſtreichſten Blumen, die ſtolzeſten Hutfedern die züchtigſten Damenſchleier ſind bier in hellen glä—


