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haben alle Aeſthetik gehört, und zwar mit beſſe rem Erfolg, als die franzöſſ⸗ ſcken Gelehrten, welche jene Wiſſenſchaſt ſo wenig zu handhaben verstehen. Diejenigen, welche behaupten, es ſei nichts als Eitelkeit und Gefallſucht, was dieſe kunſtreichen Dinge bervorbringt, mögen in vieler Hinſicht Recht haben z ſoviel iſt aber gewiß, daß die Pariſer ihre Buden mit wohlgefälliger Pracht ausſchmüken, deshalb alles Lob verdienen. Es gibt kein Produkt, ſo koſtbar und ſchön, oder ſo unbedeutend und häßlich es immer ſein mag, das ſie nicht durch eine ſchikliche Umgebung zu verſchönern, oder ihm durch eine paſſende An— ordnung Glanz zu geben wüßten. Es ſcheint auch fehr begreiflich, warum die Pariſer Kaufleute, vom erſten Großhändler bis auf den lezten Kleinkrämer berab, ein eigenes Studium daraus machen, ihten Laden durch geſchmakvolles Aeußere und ſtets neu erſonnene Formen in der Ausſtattung ihrer Waaren einen neuen Reiz und neue Anziehungskraft zu verleihen.
Gleichwie es in Paris für den Einzelnen ſo ſchwer hält, in dem Wogen und Treiben ſo vieler Tauſende, von denen Jeder Etwas ſein oder vorſtellen möchte, ſich auszuzeichnen und hervorzuthun, ſo iſt es eine nicht minder ſchwie rige Aufgabe für den Kaufmann, Krämer und Handwerker, das, was er feil bat, den kaufluſtigen Sinnen der Hauptſtadt bemerklich zu machen. Daher beſteht hier zu Lande, wie es ſcheint, gleichſam eine ſtillſchweigende Ueberein⸗ kunft, daß man, unbeſchadet ſeiner Ehre, allerlei Mittel aufbieten darf, um ſeinen Zwek zu erreichen, Mittel, die man an jedem andern Ort mit dem Namen Charlatanerie brandmarkt. Da man ja im Uebrigen ein ganz ehrlicher Mann ſein kann, ſo haben alle Stände der Geſellſchaft hier mehr oder weni— ger marktſchreieriſches Kolorit. Ohne dieſe Schminke gelingt es weder der Be— ſcheidenheit, noch der Gelehrſamkeit, die gewünſchte Anerkennung zu finden;; ohne dieſe Järbung gibt es kein Mittel, in Paris die Blite auf ſich zu zie— hen und in's Gerede oder in die Kundſchaft der Leute zu kommen. Der Pro- feſſor, welcher eine vornehme Haltung auf dem Katheder anzunehmen verſteht, ein Glas Zukerwaſſer mit einſtudirter Grazie ausleert oder ſich mit Anſtand räuſpert, beſizt die erſten unentbehrlichen Eigenſchaften, welche ſeinen Ruf und ſein Glük bei den Damen, und in Folge deſſen auch bei dem Publik um begründen. Im Handwerksſtande haben dieſe kleinen Kunſtgriffe, die Enterha— ken der öffentlichen Gunſt, einen andern Schnitt. Der Kaufmann will ſeine Waare zwar auch gerühmt, aber, da er nicht, wie ein Gelehrter, ſich mit luftiger Eitelkeit zufrieden gibt, ſie zugleich auch auf's Vortheil hafteſte ver⸗ kauft wiſſen. Nun gibt es aber in dem Zweige ſeines Geſchäfts ſo zahlreiche Konkurrenten, welche ſich alle gleichmäßig außer der Gunſt auch um das Geld des Publikums bewerben, daß es darauf ankommt, die ſianreichſte Art ausfin— dig zu machen, wie die Vorübergehenden gefeſſelt und fremde und einheimiſche Kaufluſtige angelokt werden.
Jeder Kaufmann ſchreibt mit großen Buchſtaben ſeinen Namen und den Namen ſeiner Waaren zu verſchiedenen Malen und an verſchiedenen Stellen ſeines Hauſes an die Mauer, an die Thüren, auf die Schilder. Oft auch be— gnügt er ſich nicht damit, ſein eigenes Gewölbe überall zu beſchreiben, ſon— dern er läßt noch in verſchiedenen entfernteren Stadttheilen ſich und ſeine Waaren an andere Häuſer ſchreiben. In der Rue de Rivoli, Rue de la Paix und Rue Caſtiglione ſind dieſe Auſſchriften an den Laden meiſtens in engli—


