Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
396
 
Einzelbild herunterladen

396

ſernen Gewölben der Neugierde und den Kennerbliken Aller zur Schau aus geſtellt. Hier hat die Mode ihr Hauptquartier aufgeſchlagen; der Häßlichkeit bietet man hier Alles, was ſie braucht, um ſich zu verbergen, und die Schön heit nimmt ſich hier nach Auswahl und Belieben Alles, was ſie noch ſchöner macht. Im Winter iſt dieſe Straße eine der belebteſten in Paris; kurz vor und nach Neujahr iſt ſie den ganzen Tag über von reichen Equipagen geſperrt, und auf ihren Trottoirs drängt ſich unaufhörlich eine ſolche Menge von Spa⸗ zirgängern, daß man die meiſte Zeit unaufhaltſam vorwärts getrieben wird. Manches unſchuldige Mädchen, manche tugendhafte Frau geht nicht ohne Er ſtaunen, oder richtiger, nicht ohne Qual an allen dieſen Herrlichkeiten vorüber.

Aus den Bijouterieläden blinken uns die Diamanten und Juwelen, die Geſchmeide von Gold und Edelſteinen durch kryſtallhelle Fenſter entgegen, Al⸗ les in ſo reichem, koſtbarem Vorrath, daß jedes Pariſer Gewölbe ein Dresdner grünes Gewölbe in verkleinertem Maßſtabe erſcheint. Und wenn gar erſt Abends ein ſolcher Laden wie in einem Feuermeere glüht, wenn die hellen Gasflam⸗ men in den ſpiegelblanken Fenſtern widerſtrahlen und unſere Blike auf eine ſchöne Frau im Innern fallen, um die Alles ſchimmert und flimmert, da den⸗ ken wir wohl zurük an die blaue Bibliothek und das Mährchen von Schönchen Goldhaar und der bezauberten Prinzeſſin, wenn anders der Vergleich nicht un ſtatthaft iſt, da die Pariſer Prinzeſſinen aller Stände mehr bezaubern, als bezaubert ſind, wie es meiſtens den Prinzeſſinen der Feenmährchen begegnet. Die Waffenſchmiede und Schwertfeger ſtellen die ſchönſten Damaszenerklin⸗ gen und ihre kunſtreichſten Waffen aller Gattungen in Glaskaſten vor den La den aus; die Büchſenmacher zeigen dem Jagdliebhaber die zierlichſten, leichte ſten Gewehre hinter ſchönen Glasſcheiben, und die Sattlermeiſter hängen die reichſten Pferdegeſchirre vor ihrer Thüre auf. Die Schneider haben ſtets einen unermeßlichen Vorrath von Kleidungsſtüken und man findet in ihren Buden Kleider vom feinſten Stoffe ſtreng nach der Mode des Tags fix und fertig. Hinter den acht bis zehn Fuß hohen Glasſcheiben, welche ihre Laden ſchließen, breiten ſie ihre Weſten von Kaſchemir und den reichſten Lyoner Seidenzeugen in maleriſchen Gruppen aus; dazwiſchen ſchlingt ſich hier und dort ein Pan talon mit der feinſten Grazie, und der Schlafrok ſelbſt erhält eine äſthetiſche Bedeutung. Die Apotheken ſind zierlich und einladend. Vor den Fenſtern der Geldwechsler liegen die Goldſtüke und Vankzettel der verſchiedenſten Nationen haufenweiſe und friedlich neben einander; eine übrigens nicht ſehr lobenswer the Sitte, welche wohl nicht wenig dazu beiträgt, das verderbliche Talent eines Beutelſchneiders aus dem Schlummer zu weken.

(Beſchluß folgt.)

Der Sonntag in Nordamerika.

Die Feier des Sonntags beſchränkt ſich in Amerika nicht, wie bei uns, auf Eine Zeremonie: ſie dauert vielmehr den ganzen Tag. Nach dem Gottes- dienſte kehrt jeder nach Hauſe zurük, und bald ſieht man weder Wagen, noch Männer, Frauen und Kinder auf der Straße. Diejenigen Straßen, welche in die Nähe der Kirchen führen, werden, damit kein Fahrzeug ſich nähern kann,