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„Lieber Himmel! Meine ſchöne Tante, wie blaß ſehen Sie beute,“ bemerkte Moritz leicht hin.„Sind Sie krank!“
—„Krank? Nein, nein, ich befinde mich ſehr wohl.“ Und ſie hielt die Hand über die Augen, um die Thränen zu verbergen. Moritz zog ſie ſanft weg.
„Wie! Gram? Sind Sie mit der Heirath nicht zufrieden, Emmeline? und Sie werden mit dem da doch ſo hübſch ausſehen!““
Und er hielt den Brautſchleier auf das Haar Emmelinens.
„Nehmen Sie ihn weg, nehmen Sie ihn weg! Er iſt ſo ſchwer, er drükt mich zu Boden!“
Es lag faſt Irreſein in den Augen Emmelinens. Er achtete nicht darauf.
„Wirklich, arme Kleine, man läßt Sie ein wenig ſchnell von der Puppe zum Ehemanne übergehen. Aber, ſehen Sie, Emmeline,“ ſezte er lächelnd binzu,„wenn Sie größer ſind, werden Sie auch einſehen lernen, daß ein Mann auch nur eine Puppe iſt, die man bei Seite ſchiebt, wenn man derſel⸗ ben überdrüßig iſt.“
Emmeline hörte nichts mehr. Es bemächtigte ſich ihrer ein anfänglich unbeſtimmter, dann deutlicher und endlich allmächtiger Gedanke..„Ja; jazz warum ſollte er ſich deſſen weigern? Er, er kann mich retten; er wird mich retten.— Herr Moritz...““ Weiter kam ſie nicht, da ſie eigentlich ſelbſt nicht wußte, was ſie ſagen ſollte. Aber die Uhr ſchlug die Stunde, in der ihre Großmutter zurükkommen wollte, es blieb ihr nur noch ein Augenblik übrig.
„Ach, Herr Moritz, ich beſchwöre Sie, verſprechen Sie mir, daß Sie Mitleid mit mir haben.“
Moritz ſah ſie gerührt und ſtaunend an. Und wie hätte ihn auch dieſer Kontraſt zwiſchen den noch kindlichen Zügen Emmelinens und dem heftigen Schmerze, der ſich darin ausſprach— zwiſchen den Lippen, die nur zum Lä— cheln und Singen da zu ſein ſchienen, und den troſtloſen Worten, welche ſie ausſprachen, nicht rühren ſollen?
—„Sagen Sie mir, Emmeline, ſagen Sie mir, was kann ich thun?“ — Das Herz des Herren von Tercy rührte ſich.
„Laſſen Sie mich Ihren Oheim nicht heirathen! Hindern Sie es!“
—„Armer Oncle! Alſo, Sie lieben ihn nicht? Aber, ich wiederhole es, was kann ich thun? Warum haben Sie ſo lange gewartet, warum haben Sie nicht mit Frau von Nangis geſprochen? Sie iſt ſo gütig, ſie hätte...“
„Gütig!“ wiederholte Emmeline bitter,„gütig! Und ihr Wille iſt wie ein eiſernes Band, das mir das Herz zuſammenpreßt. Meine armen ſchwachen Hände können es nicht wegreißen; aber die Ihrigen. Moritz, die Ihrigen könn— ten es! Nicht wahr! Sie werden mit ihr von mir ſprechen und ihr ſagen, ſie müſſe Mitleid mit mir haben? Und wenn dieſe Heirath wirklich zu Stande käme..„ nein, nein, ſie wird mich nicht vor Ihnen tödten.“
Die Thränen Emmelinens floſſen unaufhaltſam, ſie konnte ſie kaum ab— wiſchen, um nach dem Blike Moritzens zu ſehen.
„Und mit ihm ſprechen Sie auch. Sagen Sie ihm, daß ich ihn nicht liebe, daß ich ihn nie lieben werde, ſondern einen andern..“
Moritz ſah ſie ſchweigend an, betrachtete ſie neugierig, als habe er ſie noch gar nicht geſehen, gab ſich mit Entzüken dem neuen Gefühle hin und


