370
„Ja, Mama,“ antwortete Emmeline ganz leiſe, und ihre Wangen wur⸗ den wieder ſo friſchroth, wie vor ihrem Kummer.
—„Ich denke, du biſt von dem kindiſchen Schreken geheilt, von dem deine Gouvernante geſprochen hat.“
„Ja, Mama,“ anwortete Emmeline noch leiſer, und ihre Wangen wur- den noch röther.
—„Ich wußte wohl, daß er dir gefallen würde. Sein Aeußeres bat nichts Unangenehmes, und er iſt geiſtreich, ſehr geiſtreich.“
„Aber— er ſpricht ſo wenig mit mir.“
—„„So wenig! Es ſcheint mir doch, als beſchäftige er ſich mit dir ſehr und vielleicht noch mehr, als es die Schiklichkeit erlaubt.“
Emmeline war ganz erſtaunt. f
„Du verlangſt zu viel, meine Kleine; du darfſſt von Herrn von Tercy keine Romanliebe erwarten. Es iſt ein wenig Novemberſonne.
Ein niederdrükender Gedanke verwirrte auf einen Augenblik das Köpf⸗ chen Emmelinens, doch dachte ſie ſogleich:„Aber nein, nein, das iſt nicht möglich.“
—„Alſo kann ich Herrn von Terey ſagen, daß du dich vor ſeinen grau⸗ en Haaren nicht ſehr ſcheuſt!“ a a
„Seine grauen Haare!.. Moritz graue Haare!“ 0
Die Großmutter lachte laut auf.„Wer ſpricht denn von Moritz, mein Kind?“
Emmeline ſchluchzte und bedekte ihr Geſicht mit beiden Händen.
„Aber, Mama, warum haben Sie mich das glauben laſſen d“
—„Was glauben laſſen? Du verlierſt den Kopf, Emmeline. Sage, habe ich dir jemals Moritz genannt? Und wäre es natürlich, daß ich, ſeit er bier iſt, dir nicht geſagt habe, er iſt es? Iſt es meine Schuld, daß du dir eingebildet haſt, man werde ein Kind, wie dich, mit einem Kinde, wie Mo— ritz, verheirathen? In der Ehe muß wenigſtens auf einer Seite Verſtand ſein. Doch ſprechen wir nicht mehr von dieſer Verwechſelung, ſuche vielmehr deine Augen zu troknen, denn du ſiehſt zum Fürchten aus.““
„Gnade, Gnade, Mama!““
Emmeline kniete und rief immer:„Gnade! Gnade!“ Aber die Groß⸗ mutter war aus dem Zimmer hinausgegangen und öffnete die Thüre nur noch einmal, um dem Mädchen zuzuruſen:„Ich habe vergeſſen, daß deine Hochzeit auf den 15. Juli beſtimmt iſt.“
Man hatte den 30. Juni. 15
„„. ‚—.l.—cwiu, Fenn
Eines Abends war Emmeline allein. Ihre Großmutter und Herr von Tercy waren nach Hochzeitseinkäufen zuſammen ausgegangen. Den ganzen Tag hatte man von den Brautgeſchenken geſprochen, aber Emmeline, die Ergebene oder vielmehr Vernichtete, ſaß ohne Bewegung, ſaſt ohne Gedanken, mitten unter dem Schmuke.
Moritz trat ein.
Nie war ſie mit ihm allein geweſen; ſie ſtand auf, ſank wieder auf den Stuhl und berſuchte zu lächeln; aber dies trübe Lächeln iſt trauriger, als Thränen.


