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„Es iſt unerhört!“ dachte Emmeline bisweilen;„er beſchäſtigt ſich nur mit meiner Großmutter. Nun, es iſt die Schuld dieſes Orakels aus der Pro⸗ vinz auch! Sie wird ihm wohl eingeredet haben, ein Bräutigam dürſe bis zum Hochzeitstage nur mit den Eltern ſprechen. Ich muß geſtehen,“ ſezte Em⸗ meline ſeufzend hinzu,„für einen jungen Mann hält der Herr Moritz viel auf alte Ideen.“
Ja, Moritz beſchäftigte ſich nur mit ihrer Großmutter, hatte nur ſie beachtet, die noch in der Mode war. Die Mode!— Das war das allmächtige Wort für Moritz. Die Mode! Es war, als habe dieſe Zauberin einen Kreis um ihn gezogen, aus dem weder ſeine Ideen, noch ſelbſt ſein Herz heraus zu⸗ treten wagten.
Wir müſſen geſtehen, Moriz hatte ſich doch nicht in allem von der Pro⸗ vinz freigemacht. Die Furcht, kleinſtädtiſch zu erſcheinen, tyranniſirte ihn; er war in der Pariſer Luft gebadet, wie Achilles in dem Styx, und nur an einem Punkte verwundbar geblieben. Er hatte geſehen, daß man in Paris die Damen, welche nicht mehr jung ſind, mehr umflattere, wie die, welche es noch zu ſehr ſind, und er zögerte alſo nicht in der Wahl zwiſchen der Frau von Nangis und Emmeline. Dieſe war das Gänſeblümchen neben der Treib⸗ bausblume; die eine war gut für einen Dorfſtrauß, mit der andern wollte ſeine Eitelkeit ſich ſchmüken.
So kam dieſe Tollheit des Herrn von Terey der Uſurpation der Frau von Nangis zu Hilfe.
In der frühen Jugend begreift man jene falſchen Leidenſchaften der Seele, die Gekheit und die Koketterie, nicht; die natürliche Emmeline ſuchte nur in ſich die Urſache der Gleichgiltigkeit Moritzens, ſie beſchuldigte und verwünſchte ſich ſelbſt.
„Ich muß ihm albern vorkommen! Wie könnte er auch ein Gemüth und Verſtand unter der Furcht vermuthen, welche mich niederdrükt, mich erſtikt; Wenn ich wagte.. ach, wenn ich wagte! Er würde mich vielleicht lieben!“ Und ſie verſuchte, es zu wagen. Aber mit einem wahrhaft bewundernswerthen Inſtinkte errieth Frau von Nangis die Tage, an denen Emmeline zu ſich ge⸗ ſagt hatte:„Ich will ihm gefallen,“ und an dieſen Tagen nahm Frau von Nangis, noch ehe ihre Augen ſich ganz geöffnet hatten, ehe ihre Stimme bis zu ihren Lippen gelangt war, entweder die Strenge oder den Spott zu Hilſe, und die Augen Emmelinens wagten dann nur einen ſchüchternen Blik, ihre Lippen ſchloſſen ſich und ließen nur ein leiſes, linkiſches Gemurmel hören.
Während ſo Emmeline alle ihre Empfindungen, Hoffnungen oder Ent— muthigungen an Moritz knüpfte, während ſie dieſe für ſie zu ſtarken Gefühle überhand nehmen ließ, kannte dieſer, von der modiſchen Welt mit fortgezogen und von deren Glanze geblendet, ſich ſelbſt nicht mehr. Vielleicht lag in einem Winkel ſeines Herzens verborgen ein Bedauern für dieſes junge, ſo unſchul⸗ dige, ſo ſchöne Mädchen, von dem er ſich nur lieben zu laſſen brauchte, um gluͤklich zu ſein; aber die Fraun von Nangis ſtand immer auf der Wache, um ihn zu verhindern, in die Tiefe ſeines Herzens hinab zu bliken.
Die Sachen blieben drei Monate lang auf demſelben Punkte. Es ſchien, als ſolle dieſes Boudoirdrama nie zu einer Entwikelung kommen, und diejenigen


