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Emmelinens gemacht hatte! Kaum hatte ihr Kennerblik ihn von der äußerſten Haarſpize bis zur Jußſohle gemuſtert und ſein Aeußeres untadelig gefunden, kaum hatte er ſeine wenigen Einführungsworte mit dem„reinen Accente“ der guten Geſellſchaft geſprochen, als die Pläne der Frau von Nangis zerſtäubten und ſie heimlich zu ſich ſelbſt ſprach:„Er wird die Emmeline nicht heirathen.“
Und Emmeline? Wer weiß, was ſie dachte, was ſie empfand, als der Blik, den ſie verſtohlen auf ihn geworfen, ſich von neuem unter ihren langen Augenliedern verborgen hatte?
War es ihr früherer Schreken? War es etwas anderes? Wer hat jemals klar in dem Herzen eines ganz jungen Mädchens geſehen, dem Lande, wo es noch nicht ganz Tag iſt, wo der Beobachter herumtappt, von einem ungewiſſen ihm vorangehenden Scheine mehr irre geführt, als geleitet?
Und bon allen jungen Mädchenherzen war das Emmelinens das unent— zifferlichſte; der Zwang, in dem ſie erzogen worden, die verſteinernde Kälte der Frau von Nangis hatten alle Gedanken ſcheu zurükgedrängt. Vielleicht wurden ſie dadurch tiefer, vielleicht gewann ihr zuſammengedrüktes Gemüth an Stärke, was es an ſeiner Beweglichkeit verlor. Aber die ganze Friſche der Gedanken und Erregungen war verloren und kaum erkannte man die wirkliche Geſtalt derſelben unter der Hülle der Schüchternheit, welche ihre Großmutter darüber geworfen hatte.
Beſonders dieſen Abend ſuchte Frau von Nangis Emmeline ganz zu ver⸗ löſchen und ließ ihren Blik ſchwerer, vernichtender als je auf ihr ruhen, denn nie war Emmeline ſchöner geweſen, als dieſen Abend, an dem ihre unvorſich— tige Großmutter, die nur auf einen Stuzer aus der Provinz gerechnet, un— glüklicher Weiſe ſie mehr als gewöhnlich geſchmükt batte..
Wie verwünſchte ſie nun die Dahlia, deren Stern ſich mit ſo viel An⸗ muth auf den ſammetweichen ſchwarzen Flechten Emmelinens wiegte, und die Gaze, welche wie ein weißer Duft um dieſe kleine Göttin aus der Penſton floß! Wie ſehr verwünſchte ſie dieſelbe jezt, als ſie es für dringend nöthig hielt, daß dieſe kleine Göttin keine Verehrung finde, ſondern auf die Erde zurük falle, und wenn ſie ſich. dabei zerſchmettec e. ö
Moritz von Tercy war der gewöhnliche Gaſt im Hauſe, aber noch ut batte man das Wort Hochzeit ausgeſprochen. Emmeline erſtaunte und wurde bald— betrübt. Zu ſchüchtern, um eine Frage an Frau von Nangis zu wa⸗ gen, blieb ſie in ihrer Ungewißheit, und jeden Tag litt ſie mehr davon.
Arme Emmeline! Wie konnte man von einer Sache ſprechen, an welche die Frau von Nangis nicht mehr dachte, an welche Moritz nie gedacht hatte, von einer Sache, die Allem, was ſie umgab, fremd und unbekannt geblie⸗ ben war?
Und die Thränen traten dem jungen Mädchen in die Augen, wenn die Blike des Herrn von Terey über ſie wegglitten, oder ſich auf ihr verweilten, um ſie anzulächeln wie ein Kind.
Ach, das Kind fühlte ſich plözlich großgewachſen; die Schläge des Her⸗ zeus hatten die Schranken durchbrochen..


