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lung bei Ludwig XV. Das junge Mädchen war zufällig in den Saal gekom⸗ men, ehe alle Gäſte ſich entfernt hatten.
Das waren tragiſche Ereigniſſe! Die Vorſtellung war von der Frau von Nangis, ſo gut es gehen wollte, dadurch verdekt worden, daß ſie über die Zerſtreuung ihrer Mutter lachte, welche wahrſcheinlich von dem erſten Konſul habe ſprechen wollen.
Aber Emmeline, Emmeline!
Hatte nicht einer der gewöhnlichen Gäſte der Frau von Nangis bemerkt, daß die blauen Augen Emmelinen's Ausdruk bekämen, ein anderer, daß ihre Taille das Kinderhafte verliere? Und ihre Großmutter bebte vor Furcht, man könne anfangen, dem Mädchen auf andere Weiſe als mit Zukerdüten zu huldigen.
Nie verbrachte ein General, der einem Gegner in ſicherer Stellung und mit friſchen Truppen eine Schlacht liefern ſoll, eine ſo ſchlimme Nacht, wie die Frau von Nangis.
Sie mußte nothwendig Emmeline unſchädlich machen. Aber wie? Sie verfiel auf dies und jenes Mittel und gelangte zu keinem Entſchluſſe.
Was thun?
Sie verheirathen! rief Frau von Nangis mit einemmale.
„Ja, ja, ſie verheirathen, ſie einem Manne am Ende der Welt geben und zwar in dem nächſten halben Jahre, und Niemand wird ſich erinnern, daß ich eine Enkelin habe.“
Dann blieb ſie einen Augenblik ſinnend ſtehen.
Sie dachte an eine frühere Bekannte in einer entlegenen Provinz, und dann klingelte ſie ſtark.
l„Sophie, eine Feder!“
Sie ſchrieb:„Ich erwarte eine Gefälligkeit von Ihrer frühern Freund⸗ ſchaft; meine Enkelin iſt zu arm, um in Paris ſich auf eine paſſende Art zu verheirathen. Haben Sie nicht irgend einen Nachbar, aus dem ſich ein Ehe⸗ mann machen ließe? Jung oder alt, ſchön oder häßlich, liebenswürdig oder nicht, dies Alles kommt nicht in Vetracht. Emmeline iſt ſehr verſtändig de. de.“
Die Antwort lautete ungefähr ſo:„Mein Neffe, Moriz von Tercy, reiſt in Kurzem nach Paris; er iſt eine paſſende Partie, ein guter Junge und für einen Landjunker nicht übel. Ich habe ihm nichts von meinem Plane geſagt; bis jezt ſcheut er ſich etwas vor dem Heirathen; Sie und Emmeline werden ihn aber ſchon bekehren, darauf verlaſſe ich mich, und werde das Zim⸗ mer für meine hübſche Nichte in Vereitſchaft ſezen laſſen.
„Ich werde Moriz folgen, ſobald es meine Gicht erlaubt.“
Das iſt wahrhaft großes Glük. Emmeline wird ſehe glüklich ſein. Ich habe da einen prächtigen Gedanken gehabt. Und was die geringe Neigung des Zukünftigen zur Ehe anlangt, ſo werden wir ja ſehen. Welche Thorheit, ein Landjiunker und keine Frau! Sophie, rufe Emmeline zu mir.
„Mein Kind,“ ſagte Frau von Nangis, indem ſie mit ihrer blaſſen dürren Hand die runden rothen Wangen ihrer Enkelin ſtrich, welche ſich über dieſe Zärtlichkeit ſehr verwunderte,—„mein Kind, komm, ſeze dich und laß uns plaudern. Du biſt nun ein großes Mädchen, und wir können ver⸗ ſtändig mit einander reden.“


