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ihres Lebens gelegt zu haben ſchien, daß ihr Alter eln Räthſel war, und daß, wenn eine eiferſüchtige Zeitgenoſſin von Erinnerung zu Erinnerung bin⸗ abſteigt und behauptete, Mad. de Nangis müſſe fünfzig Jahre alt ſein, alle darüber ſpotteten. 1
„Fünfzig Jahre?..“ g
—„Aber ihre Enkelin, ihre Enkelin! Emmeline iſt ja wohl bald vier⸗ zehn Jahre, ob ſie gleich noch Pantalons trägt, und ihre Mutter war ja ſchon... Man hörte nicht auf ſie.
Mochte Mad. de Nangis ihre ſchreklichen fünfzig Jahre haben oder nicht, nichts verrieth dies Alter, nichts, außer daß Emmeline groß zu werden wagte, dieſe Emmeline, das lebendige Taufzeugniß. Ach warum konnte ſie dieſelbe nicht wegwerfen, vergeſſen wie dies unſelige Papier!
Mad. de Nangis hatte es mit dem Kloſter verſucht und ein ganzes Jahr hatte die gute Emmeline gewartet, ob ſich ein Beruf in ihr zum Kloſter leben kund geben werde, aber es wollte keine Neigung dazu kommen, und obgleich Frau von Nangis einen Augenblik verſucht war, Gewalt zu brauchen, ſo gab ſie doch dies Unternehmen auf, weil ſie das Urtheil der Welt fürchtete. Das Urtheil der Welt war das Gewiſſen der Frau von Nangis. ö
Es blieb ihr alſo weiter nichts übrig, als die Jugend Emmelinens ſo viel als möglich zu verlängern, ſie wieder zur Puppe zu bringen, und wenn einmal die Jungfrau an die Stelle des Kindes trat, wenn ein Strahl von Seele und Geiſt die glänzende Zeit verriety, die ſich vor ihr eröffnete, ach! dann grollte der Sturm und tobte das Wetter um das arme Blümchen, um es an dem Erſchließen zu hindern.
Zum Glük beſaß Mad. de Nangis eine Entſchädigung für ihre Enkelin, nämlich ihre Mutter. Welches Glük für die Dame] Sie hätte können eine Mutter ſtehlen, wie gewiſſe Arme Kinder ſtehlen, um das Herz der Vorüber⸗ gehenden zu rühren..
Nie klang auch das Wort„Mama“ ſo ſüß, ſo ſchmeichelnd, als auf den Lippen der Frau von Nangis, nie wohl wurde eine alte Frau ſo ängſtlich ſorgſam gepflegt und gewartet, mit der einzigen Ausnahme, daß ſie nicht nach ihrer Bequemlichkeit alt ſein durfte. Die Mutter der Frau von Nangis ſollte und mußte erſt im reifen Alter ſtehen, wie die Enkelin in der Kindheit. Troz ihrem Huſten, ihrem Hüſtweh und ihrer Taubheit mußte ſie ihre Tochter früh in das Voulogner Wäldchen und Abends in die Oper begleiten.
Alle Attribute des Alters waren ihr alſo ſtreng unterſagt; ſie durfte nur ſchnupfen, wenn es Niemand ſah, erlaubt war ihr keine andere Aeuße⸗ rung der Frömmigkeit, als an großen Feſttagen die Meſſe auf eine Stunde zu beſuchen. 3
Ein Kapitel beſonders gab es, in welchem Frau von Nangis unerbltt⸗ lich war— nämlich das ewige Geſchwäz aus der guten alten Zeit— dieſe Jugend der Alten, dieſer lezte Faden, welcher das verſchoſſene Gewebe ihres gegenwärtigen Lebens mit dem glänzenden ihres ſonſtigen verknüpft. Die arme alte Frau durfte nicht weiter als bis 1789 zurük gehen.
Eines Abends(ein Unglüksabend für Frau von Nangis) erzählte die alte Dame in einem Augenblike der Begeiſterung die Geſchichte ihrer Vorſtel⸗


