347
Flüchtling!—— Doch boffte er, bei wiederholtem Veſuch, noch ſeinen Ent— ſchluß zu erſchüttern, wo nicht umzuändern. Als er aber am folgenden Mor— gen ihn desfalls zu ſprechen hoffte, war er ſchon nach England abgereiſet, was er jedoch erſt ſpäter erfuhr.
Als Heinrich zum Beſuch kam, ward derſelbe mit dankbarer Herzlichkeit aufgenommen, da ihm die Auffindung Dolcettens gelungen war. Was der erſte Blik des lieblichen Mädchens in Heinrichs Herzen entzunden, lkoderte in noch ſtärkerer Glut auf. Alle Wünſche und Hoffnungen vereinigten ſich in Dol— eettens Beſiz. Doch wenn er eines Umſtandes, der ihn, falls er ihr bekannt würde, nothwendig von ihr trennen mußte— gedachte, ſo bemächtigte ſich ſei— ner ein tiefer Schmerz. Entdeken mußte es ſich— dann ward er aus ſeinem Himmel geſtoßen. In dem Herzen des Mädchens war auch jene ſtille Sehnſucht der erſten Liebe erwacht. Heinrich war ihr Taggedanke, war ihr Traum. Sie kam zu der Ueberzeugung: nur mit einem ſolchen Manne vereinigt, könne ſie glüklich leben. Doch ward ihr etwas bange; Heinrich hatte nie ſeiner Ver— bältniſſe erwähnt. Sie wußte ſelbſt ſeinen Zunamen nicht. Es ſchien jedoch, als lebe er in glänzenden Umſtänden, dies zeigte ſeine Kleidung und verrieth ſich in mancher Aeußerung.
Dolcetta, gewohnt jede innere Regung ihrem väterlichen Freunde zu ge— ſtehen, verhehlte ihm auch ihre erwachenden Gefühle nicht. Er, ſtets bereit, ibren Geſinnungen die rechte Richtung zu geben, mißbilligte ihre Neigung nicht; er ſagte ihr, ſobald Heinrich ſich gegen ſie erklären würde, möge ſie offen auch von ihren Verhältniſſen reden, um damit zu erfahren, wie er gegen ſie dächte. Heinrich erlag faſt unter dem Anflug einer düſtern Schwer— muth— eine Kluft trennte ihn von dem geliebten Mädchen, obgleich ſich Alles vereinte, womit er das Gtük ihres Beſizes verdienen konnte. Er beſaß Reichthümer, um ihr das Leben nach allen Anforderungen angenehm zu ma— chen.— Die Einwilligung ſeiner Eltern, die ſein Glük wollten, durfte er zu erlangen hoffen.— Ob aber Dolcetta ſelbſt, ſobald ſie erführe?— Sie würde gewiß nie die Seine werden wollen— därfe es auch nicht. Dieſer Gedankt raubte ihm bald die VBeſinnung. So oft er ſich auch erklären wollte, ſchloß es ihm den Mund, wenn er ſich denken mußte— ſie wird ſich von dir wenden. Doleetta, ſo unbekannt ſie auch mit der Liebe war, las es doch in Heinrichs Augen, fühlte in ſeinem warmen Händedruk den Wiederklang ihrer eigenen Ge— üble; aber warum ſprach er nicht? warum war er ſo ungleich in ſeinem Be nehmen? Da fielen ihr die Worte des Fürſten ein:„Nie könne ſie ſeine Gattin werden!“— Und ſo meinte ſie denn, Heinrichs Adelsbrief ſei ein Hinderniß, und ſo ward auch ſie beklemmt. Jakob Stern hatte ſeiner Tochter aus Gründen unterſagt, eine andere als die franzoͤſiſche Sprache, zu reden, und ſo beſprach ſie ſich auch mit Heinrich. Bei dem nächſten Beſuch deſſelben, war derſelbe ſo voll wehmüthigen Gefühls und ſichtlicher Schwermuth, daß Dolcetta erbleichte, als er ſich ihr nahte. Theilnehmerd fragte ſie: was ihm ſo Schmerzliches widerfahren ſei, daß er ſo trübſinnig ausſehe?—„Süßes, theures Mädchen!“ ſagte dieſer—„Ihr bemitleidet mich— doch wenn ich ein Wort ſpreche, ſo wendet Ihr Euch von mir, und zürnet, daß ich es gewagt babe, mein Auge zu Eurem Liebreiz, mein Herz zu dem Wunſche Eures Beſiies empor zu heben.“


