Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
340
 
Einzelbild herunterladen

340

nommen: ſie blleb nie unbewacht, Trauer und Schmerz umzog nun das lieb, liche Mädchen. Heinrich konnte das wunderhübſche Kind nicht aus Kopf und Herzen brin⸗

gen, dieſer reizende Gegenſtand hatte ihn nur zu ſehr gefeſſelt. Darum be⸗ ſchloß er, ibm auf die Spur zu kommen. Was iſt der Liebe unmöglich? Er ſpürte den Schritten des Grafen allenthalben nach, und ſo entging ihm nicht, in welchem Hauſe derſelbe die meiſte Zeit zubrachte; er ſandte ſeinen verſchmizten Bedienten dahin auf Kundſchaft; dieſer erfuhr durch das Geſinde von der ſchönen Fremden, und auch daß ihr Vater nicht aufzufinden ſei, wor über ſie ſehr betrübt ſei und ſich gräme. a

Als Heinrich erfuhr, in welchem Kummer das holde Geſchöpf ſchwebe, konnte er ſich den Zuſammenhang denken, und beſchloß nun mit aller Mühe, ihr Troſt zu geben und den Vater aufzuſuchen, welches ihm zu ſeiner Freude nach vielen Nachforſchungen gelang. Der Arme hatte ſchon verzweifelt, ſein theures Kind je wieder zu ſehen. Ihr Aufenthalt machte ihm unſägliche Sorge, er ſah, wie behutſam er zu verfahren habe, da ſie gleich einer Gefangenen ge⸗ halten werde. Sie gingen in der Straße Rivoli da zeigte Heinrich in die Ferne: in einem Kabriolet ſaß Graf Molina, auf einer Spazir fahrt begriffen. Kaum hatte der Greis ihn erblikt, als er eine tieſe Erſchütterung faſt nicht verbergen konnte; denn er erkannte in demſelben, denjenigen um de ſſent⸗ willen er den entlegenen heimathlichen Heerd verlaſſen hatte, und in deſſen Gewahrſam befand ſich ſeine Tochter! Noch denſelben Tag ging er in das bezeichnete Haus, wo Dolcetta war, und wo er den Grafen eben bineinge⸗ ben geſehen hatte.(Beſchluß folgt.)

Muſikaliſches Genie.

Eine Pariſer Zeitſchrift gibt folgenden Bericht über das muſikaliſche Talent einer alten, ſeitdem verſtorbenen Frau in den Sechzigern, die von Jugend auf in der Salpetriere(einem Irrenhauſe in Paris) geweſen war. Eine junge Schauſpielerin von einem der kleineren Theater in Paris, die in das Haus aufgenommen worden, hatte ſich eingebildet, daß ſie eine gewiſſe Rolle zu ſpielen habe!, und ſang und tanzte und rezitirte abwechſelnd. Als nun die alte Frau eines Tages dle Schauſpielerin ſingen hörte, ſchlug ſie ſogleich den Takt dazu mit bewundernswürdiger Präziſion, und ſchien dabei höchlich ergözt zu ſein. Sobald ſie eine Arie hörte, hatte ſie ſie im erſten Augenblike gleich aufgefaßt, und ſie war im Stande, wenn man ſie auffor⸗ derte, dieſelbe, obgleich ſie die Worte nicht kannte, doch nach der Melodie genau wieder zu geben. Was noch merkwürdiger war, als Jemand ein Lied in ihrer Gegenwart ſang, das er eben aus dem Stegreif komponirt hatte, faßte ſie daſſelbe eben ſo ſchnell auf, und wiederholte es auf der Stelle. Ein An⸗ deresmal, als ſie ein Stük auf dem Pianoforte ſpielen hörte, war ſie von dem Zauber der Muſik ganz hingeriſſen, und man bemerkte, daß ſie bei den vor⸗ züglicheren Paſſagen ganz beſonders ihr Wohlgefallen bezeigte, gleich als be⸗ ſäße ſie die Kenntniß und den Geſchmak des vollkommenſten Muſikers. Wie man ſagt, hat der Kopf dieſer merkwürdigen Frau die Phrenologiſten nicht wenig