Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
339
 
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eingezogen habe, welchen zu erkundſchaften er ſich alls Mühe geben wolle. Im Herzen jedoch faßte er den Plan, ja nicht damit zu eilen, um die holde Ent⸗ fübrte mit ſeinen Geſinnungen bekannt machen zu können, und vielleicht ihre Gegengefühle zu erringen, denn er fühlte, wie noch niemals, eine Leiden⸗ ſchaft in ſeiner Bruſt entſtehen, die nur Gegenliebe heilen konnte. Von dem Verſprechen beruhigt, und im Vewußtſein ihrer Unſchuld, ahnte ſie nichts von den eigennüzigen Abſichten ihres Entführers, und glaubte ihm, als ihrem Beſchüzer, noch Dank ſchuldig zu ſein, wo bätte ſie ſich in jener ſtürmiſch ſinſtern Nacht zurecht gefunden, hätte er ſich ihrer nicht angenommen?

Anſtatt zu einer Dame, wie er ſagte, brachte er ſie in das Haus einer jener Kreaturen, die auf ſolche Fälle eingerichtet ſind. Dolcetten wurden ein Paar köſtlich möblirte, mit allen Gegenſtänden der geiſtigen und phyſiſchen Vedürfniſſe eingerichtete Zimmer angewieſen, wo ſie in dem ſeltenen Bücher⸗ vorrathe, an dem ſchönen Pianoforte, den ausgeſuchteſten Muſikalien ſich er⸗ gezte, und im Augenblike ſich wohl befand. Der Graf empfahl ſich beſcheiden, obne jedoch den Eindruk, welchen Dolcetta auf ihn gemacht, ihr zu verhehlen, Sie beſchwor ihn, ihr den folgenden Tag Nachricht von ihrem Vater zu bringen, welches er ihr feierlich zuſagte. Dolcetta brachte jedoch die Nacht ſchlaflos zu; ſie dachte ſich die Angſt des geliebten Vaters um ſie. Zu dieſem geſellte ſich, daß im Wachen und im Traume das Bild des jungen Mannes, das ſie tief in ihre Seele geſogen, und deſſen Feuerblike ihr Innerſtes aufgeregt batten, vor ihr ſtand. Mit Wehmuth fürchtete ſie, ihm in dieſer großen Stadt, vielleicht nie wieder zu begegnen. Daß der Graf bei dem Verlangen, länger im Beſiz des theuern Gegenſtandes zu bleiben, nicht an Nachfrage um den Vater dachte, läßt ſich leicht denken. Er verfügte ſich früh zu dem holden Mädchen, welches ihm am Morgen noch viel reizender dünkte.

Zwel Tage waren vergangen, in de nen der Graf ſcheinbar auf Erkun⸗ digung ſandte, und, wie leicht zu erachten, weder Bericht noch Troſt brachte, und die Sehnſucht des Mädchens nach ihrem Vater ſteigerte. So ſehr der Graf ſich auf Erkundigung der näheren Verhältniſſe ihres Vaters legte, ſo erfuhr er nur, daß Dolcetten ſtreng verboten ſei, davon zu reden, ihr Vater ſei als ein Herr Stern aus Breslau bezeichnet, mehr zu ſagen dürfe ſie ſich nicht befugt finden. Der Graf bemühte ſich nun, Dolcetten mit ſeinen Gefühlen bekannt zu machen, und um Erwiderung zu bitten. Doch dieſe war zu ſehr um ibren Vater bekümmert, und trug ein anderes Bild im Herzen, um auf den Liebesantrag befriedigend zu antworten. Auch rükte der Graf endlich mit ſeinen wahren Abſichten näher: ihr ein ſchönes angenehmes Leben in Liebe zu bereiten, wofern ſie ganz ſein eigen ſein wollte. Mit Abſcheu verwarf ſie das Anerbieten, und des Grafen Leidenſchaft erhöhte ſich; er ſchwur, er müſſe ſie beſizen, und ſei es auch um den Verluſt ſeiner Freiheit; doch das Leztere ſagte er ſich nur insgeheim. Zuerſt wollte er alle Ueberredungskünſt⸗ bei ihr verſuchen; doch Dolcetta ſtählte der Gedanke an ihren Vater und an die herrliche Geſtalt, die an der Stufe der Vorhalle ſie umſchloß, wogegen ſelbſt der ſchöne männliche Graf im Schatten ſtand. 5

Dolcetta wollte lieber entfliehen, als länger in dieſen Zimmern zu hau⸗ ſen. Der Graf hatte dieſes beſürchtet und ſeine Maaßregeln dagegen ge