Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
338
 
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in ein jugendliches, kräftiges, edles Antliz, mit einem Paar bellglänzenden Augenſternen. Der junge Mann fand ſich tief ergriffen, als das reizende Ge⸗ ſchöpf mit den holden anmuthigen Zügen voll Liebeszauber ihm ſo nahe zu ibm empor ſah, und er wünſchte ſehnlichſt ſie zu kennen. Ohngeachtet aber er ſich alle Mühe gab, an ibrer Seite zu bleiben, ſo ward er dennoch wegge⸗ drängt, denn die hinausſtrömende Menge brach allenthalben durch. Die Fremde war ſchon nahe bis zum Ausgange gekommen, und hatte ſich vergebens nach ihrem Vater umgeſeben, die Nacht war finſter und ſtürmiſch, ſie zog ſich daher an einen Pfeiler der Halle zurük, indeſſen ihr Herz, voll Kummer und Angſt erfüllt, noch immer in jedem Nahenden den Geſuchten erwartete.

Der ältere der erwähnten Herren hatte ſie ſtets im Auge behalten, und ſo erblikte er ſie auch am Pfeiler, wie ſie Jemanden zu erwarten ſchien; ſie ſtand noch immer dort, als ſchon faſt der Lezte der Menge heraustrat, da na⸗ berte er ſich ihr, und bot ihr faſt unwillkührlich den Arm, indem er ſie zu ſeiner am Eingange haltenden Kutſche führte. Die argloſe Fremde vermeinte, er käme im Auftrage ihres Vater ſie abzuholen, und folgte ihm willig; mit Artigkeit hob er ſie auf den Kutſchentritt, der Bedlente half auf der andern Seite, und mit einer Schnelligkeit ſprang Graf Molina ihr nach, und ſie be fand ſich nun in Geſellſchaft eines ihr gänzlich fremden Mannes. Eben als ſie, zwar willenlos, doch in den Wagen ſtieg, kam Heinrich ſo hieß der jün⸗ gere der Herren hinzu, und ſchlug ſich entſezt vor die Stirne.

Jahre wohl Glaube an Unſchuldreiz! ſprach er zu ſich ſelbſt. Wenn in dieſen klaren Augen, in dieſen reinen Himmelszügen ſchon das Laſter wohnt, wo ſoll man Tugendwerth ſuchen?

Er kannte jenen Grafen; es war bekannt, daß Molina nur ein ange⸗ nommener Name war, er ſelbſt lebte planlos, ohne Geſchäfte, blos zu ſeinem Vergnügen, manches Liebes-Abenteuer wußte man von ihm zu erzählen, und ein ſolches ſchien Heinrich nun eben geſehen zu haben. Zwar widerſprach ſein Herz dem Verſtand, es ließe ſich ja eine ſchuldloſe Möglichkeit in dieſem Ver⸗ bältniß auffinden, und dieſes wollte er zu erfahren ſuchen, was auch der klü⸗ gelnde Verſtand dagegen aufbringen mochte.

Der Graf ſuchte ſich indeſſen mit der größten Gewandtheit über ſeine Freibeit bei ſeiner ſchönen Entführten beſtens zu entſchuldigen. Er bat, ſie möchte ſagen, wohin er den Kutſcher vorzu fahren anweiſen ſollte, um ſie zu den Ihrigen zu bringen, er fühle ſich höchſt beglükt in ihrer Nähe und würde es noch mehr ſein, wenn er Gelegenheit, ihr zu dienen haben werde.

Schon beim Einſteigen war Dolcetta, ſo heißt die ſchöne Fremde, in unſägliche Angſt gerathen, indem ſie das Verfängliche ihrer Lage überblikte. Doch faßte ſie Muth, als ſie den Grafen ſo ſprechen hörte, mußte ihm aber mit ſchwerem Herzen geſtehen, daß ſie weder Gaſſe noch Hotel ihres Aufent- haltes zu nennen wüßte, ſie ſei mit ihrem Vater vor zwei Tagen aus Bres⸗ lau angekommen, ſel mit ihm ins Theater gegangen und von der Menſchen⸗ maſſe im Herausfluthen von ihm weggedrängt worden. Der Graf konnte kaum ſeine Freude verhehlen, da ihm dieſe Nachrichten ein längeres Beiſammenſein mit der ihn immer mehr intereſſirenden reizenden Fremden verhießen. Er erbot ſich, ſie über Nacht, da er unverheirathet ſei, zu einer ihm bekannten Frau zu führen, wo ſie bis dahin bleiben könnte, bis er Nachricht von ihrem Vater