Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
333
 
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bedekt. Bob, der ſeine iriſche Natur keinen Augenblik verleugnete, warf eine Hand voll Erde darauf und ſagte:Armes Geſchöpf! Möge Gott uns nicht vergelten, was wir dir gethan haben!*

Nach ſo vielen Hinderniſſen und Querſtrichen waren wir noch immer nicht am Ziele. Es war keine Kleinigkeit, den Leichnam über die Mauer zu brin gen und als wir an die Stelle kamen, wo wir den Wagen gelaſſen hatten, fanden wir ihn umgeſtürzt, ein Pferd im Graben liegend und das andere thend um ſich ſchlagend. Sie waren, ſich ſelbſt überlaſſen, von dem Graſe ver ſucht, wahrſcheinlich zu nahe an den Graben gekommen und hatten endlich den Wagen hineingeworfen. Wir mußten deshalb den Leichnam nochmals nie derlegen, den Wagen aufrichten und uns der Pferde bemeiſtern, alles dies dauerte ſo lange, daß es heller Tag war, als wir die Vorſtadt von London erreichten. Der Kutſcher hatte ſich ſeinen Rok zerriſſen und den Hut verlo ren; Ernſt und Merival befanden ſich in nicht viel beſſern Umſtänden; Bob ſchlief neben dem Leichenſake, und die ganze Geſellſchaft ſah ſo trübſelig aus, daß ich, wie Vob, ſchwur, daß man mich bei meiner Seele und dem beiligen Kreuze des Herrn Jeſus, niemals wieder dahinbringen ſolle, Leichen zu ſtehlen!

Der gern te Stief t.

Als Kaiſer Karl V. einſt über den Markt zu Brüſſel ritt, bemerkte er ein Weib, welches einen herrlichen Kapaun verhandelte, der ihm ſo trefflich behagte, daß er ihr zuvorgekommen zu ſein wünſchte. Da der Handel ſchon abgeſchloſſen war, ſo trug er einen ſeiner Begleiter auf, dem Weibe zu fol⸗ gen, um zu ſehen, wo ſie ihn hintrage. Dieſer berichtete bald darauf ſeinem Herrn, die Käuferin ſei das Weib eines armen Schuhflikers, der im Keller wohne; er gedenke nämlich mit ſeinen Geſellen den kommenden Abend einen kleinen Schmaus zu halten. Sobald die Nacht hereinbrach, machte ſich der Kaiſer mit einigen Edelleuten auf den Weg und trat in des Schuhflikers Wohnung, um, wie er vorgab, ſeine Schuhe unverzüglich ausbeſſern zu laſ⸗ ſen. Dieſer entſchuldigte ſich mit der Unmöglichkeit, da er heute ein Feſt feiern, und einen Kapaun ſchmauſen wolle. Der Kaiſer, welcher nichts anderes wünſchte, als auch einen Antheil davon zu erhalten, erbot ſich vier Bouteillen Wein zu bezahlen, wenn man ihn Antheil nehmen laſſe. Das Anerbieten wurde angenommen, und Kaiſer Karl ließ es ſich in Geſellſchaft der Schuhfli⸗ ker recht wohl ſchmeken, ja er leerte ſelbſt beim Abſchied ein Glas Wein auf ihre Geſundheit. Unvermut het wurde der Prinzipal der löblichen Geſellen des fol⸗ genden Morgens nach Hof beſchieden. Zitternd und zagend betrat er das Ge mach des Kaiſers. Aber noch größere Verwirrung bemächtigte ſich ſeiner, als er in ſeinem Gaſte den Kaiſer erkannte; bleich und ſtumm ſtand er da. Karl lächelte und fragte ihn, was für eine Belohnung er ſich für den ihm erwieſenen guten Empfang ausbitte. Der edle Meiſter wußte nichts Anderes zu verlangen, als daß es ſeiner Zunft geſtattet werden möchte, einen ge krönten Stiefel als Auszeichnung zu führen, weil ein gekröntes Haupt ihr ſo große Ehre erwieſen habe. Karl bewilligte die beſcheidene Bitte.