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mehr; aber ein dumpfer Schrei, ein Geplätſcher, als wenn ein Menſch in das Waſſer ſalle, erregte meine Aufmerkſamkeit; ohne Zweifel war einer meiner Freunde verwundet worden. Aber was ſollte ich thun? Ich wußte ſelbſt nicht recht, von welcher Seite das Wehklagen komme und die Nacht war ſtobkffinſter. Dieſe Stunde wied mir unvergeßlich bleiben. Endlich kroch ich auf allen Vie— ten auf dem naſſen Graſe hin und wußte nicht, ob mich ein zweiter Piſtolen⸗ ſchuß erwarte, wenn ich mich emporrichte. Eine ſchöne Lage! Was war aus meinen Kameraden geworden? Sollte ich ſo bis zum Tagesanbruche warten? Dieſe Gedanken beſchäftigten mich, zugleich aber wunderte ich mich über die Stille, welche ringsum zu herrſchen ſchien, bis ein Plätſchern meine Auf⸗ merkſamkeit von neuem erregte. Es war, als ſei dies Geräuſch ganz in der Nähe und als miſchten ſich auch halb erſtikte Töne einer menſchlichen Stimme mit hinein.
„Mein ſüßer Jeſus! Es iſt ein Mord, ein wahrer Mord! Ich bin er— mordet, mein Seel', es iſt aus mit mir.“
Es war Bob, ich erkannte ſeine Stimme. Aber ich wußte noch nicht, wo ich ihn finden ſollte. Der Monolog begann bald von neuem:„Mein Gott, mein Gott, bin ich erſchoſſen oder ertrunken?“
„Bob!“ rief ich leiſe.— Tiefe Stille.
„Bob, antworte! Was fehlt dir? Wo biſt du?“
Er ſprach für ſich:„Ja, ich bin umgebracht, todt, ermordet, ertrunken.“
„Bob, ſo höre doch und antworte!“
—„Ja, Bob, Bob. Ihr könnt rufen, ſoviel Ihr wollt. Geht zum Teufel! Ich will mich nicht hängen laſſen, wenn ich mit Euch rede.“
„Bob, Dummkopf! ich bin es ja.“
—„Ach, guter Herr! Sie ſind es? Wirklich? Wo ſind die Andern? Im Gefängniſſe?“ 2
„Wo biſt du, Bob?“
—„Ein Bad, ein kleines Bad.“
Einige Schritte von uns entſpann ſich ein Kampf. Ich hörte die Stim— me Ernſts, der„zu Hilfe!“ rief. Ich tappte dem Geräuſche nach und Bob, der in einen Graben gefallen war, faßte mich am Fuße. Ich half ihm aus ſei⸗ nem Bade heraus. Im Lichte des Mondes, der ein wenig wieder zum Vor— ſchein kam, ſahen wir zwei Perſonen mit einander ringen und ſich herumwäl— zen, ohne ein Wort zu ſagen. Wen erkannten wir? Unſern diken Kutſcher, der mit Ernſt um das Leben rang. Der arme Mann hatte, erſtaunt, uns nicht wieder kommen zu ſehen, unſer Verbot übertreten, den Lärm auf dem Gottesaker gehört, war über die Mauer geſtiegen und auf uns zugekommen. Er war es geweſen, der ſich an der Mauer hingeſchlichen; ſeinen Schatten ha⸗ ben wir für einen Andern gehalten; als er meinen Namen hatte rufen wollen, waren wir entflohen. Er dagegen hatte geglaubt, unter Diebe gerathen zu ſein, ſelbſt die Flucht ergriffen und ſich hinter einem Leichenſteine verſtekt. Zum Unglüke war Ernſt dahinter ſchon verſtekt geweſen; ſie trafen auf einan⸗ der, ohne ſich zu kennen und theilten gegenſeitig Fauſtſchlaͤge aus, von denen beide Spuren an ſich trugen.
Dieſe Entwikelung der Sache erlaubte uns, wieder an die Arbeit zu gehen. Der leere Sarg wurde wleder in das Grab hinabgelaſſen und mit Erde


