Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
323
 
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den unſere Neugierde zu befriedigen. Obne uns zu einem Unternehmen zu er⸗ muthigen, das die Gerichte ſtrafen konnten, ſagte der Oberarzt blos zu mir, indem er mich auf die Achſel klopfte:Teufel! Es iſt gefährlich. Ich rathe Ihnen nicht dazu. Das war gerade, als hätte er geſagt:Wohlan, Freun⸗ de, und ſeht, daß das Unternehmen gelingt! 5

Wir waren zur geheimen Berathung bei einem Freunde beiſammen, näm⸗ lich zwei andere Studenten, zwei Gehilfen und einer der Leute, welche man grabs nennt, und welche Leichen verkaufen. Ein Vertrauter hatte uns Aus kunft über den Ort gegeben, wo ſich das Grab des jungen Mädchens befinde. Drei Tage nach der Beerdigung fuhren wir fort und nahmen in dem Wagen alle zu unſerm Unternehmen nothwendigen Geräthe mit. Zum Unglüke hatte der grab, auf den wir rechneten, den Tag über mit ſeinen Freunden getrun⸗ ken; mit ſeinem Kopfe war es nicht mehr richtig; er konnte kaum ſtehen und wir mußten alſo auf ſeinen Veiſtand verzichten. Man rief einen andern, der ähnliche Aufträge bisweilen beſorgt hatte, einen faulen Irländer, Vob. Wir verſprachen ihm eine halbe Guinee, zwei Flaſchen ſeines Lieblingsgetraͤnks, Branntwein, ſchmeichelten ſeiner irländiſchen Eitelkeit und gewannen ihn end lich für das Unternehmen. Von einem Bekannten borgte er ſich einen großen Sak, um unſern Raub darin zu verbergen, und eine eiſerne Hebeſtange, um ſie im Nothfalle bei der Hand zu baben. Dann ging es endlich fort.

Bob war fin ſter und verdrüßlich geſtimmt; abergläubiſch, wie alle ſeine⸗ Landsleute, wollte er ſchon nach einer Viertelſtunde das Unternehmen und den Gewinn, den er davon haben ſollte, aufgeben; er fand ſeinen Muth erſt auf dem Boden einer großen Branntwelnflaſche wieder, deren Inhalt ſeine düſtern Gedanken verſcheuchte. Vob ward der Muthigſte von uns allen; er ſprach nur von ſeiner Kühnheit, ſchmähte die Todten, ſpottete über die Skelette und ſcherzte über den Raub, den wir vollbringen wollten.

Es war Abends um neun Uhr, als wip abführen; das Wetter war ſehr veränderlich; bald ſchien der Mond, bald regnete es; der Wind pfiff und am Horizonte zukten Blize. Wir fürchteten bereits, das ſchüzende Dunkel werde von dem neugierigen Monde vertrieben werden und wir möchten ſo unſern wach ſamen Gegnern leicht in die Hände fallen.

Der ſchwazhafte Irländer und Niemand ſchwazt mehr als ein Irlan⸗ der ſchnitt bei jedem Schluke immer unverſchämter auf. Wir hatten uns an das rollende Feuer ſeines Kauderwelſch gewöhnt, wie an das Rollen des Wagens; als wir aber an die Stelle kamen, wo der Wagen halten ſollte, als wir die kleine alte Kirche von Wimbledon erblikten, ließ die Redſeligkeit Bob's nach, ſein Muth ſank, ſein Feuer erloſch; er drükte ſich in eine Eke des Wa gens, ſo daß wir keine große Unterſtüzung von ihm hofften. Der kleine graue Kirchthurm ſtand da im bleichen Mondenlichte wie ein aufmerkſamer Wächter, der die Gräber hütete, deren Heiligkeit wir verlezen wollten. Ich verſchweige auch nicht, daß die Feigheit Vob's anfing, auch uns anzuſteken. Wir hatten bereits einen guten Theil von, unſerer Kekheit verloren; wir fingen an einzu⸗ ſebhen, daß unſer Unternehmen ziemlich gefährlich ſei und wir nicht alle Um⸗ ſtände berechnet hätten, die uns begegnen könnten. Wenn die beiden Brüder, rieſige Burſche, die keinen Spaß zu verſtehen ſchienen, auf den Einfall ge⸗ kommen waren, das Grab ihrer Ochweſter ſelbſt zu bewachen.. Wie ſollten.