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England die für ihre Kunſt zu ſehr begeiſterten Anatomen und Chirurgen ausſezen. In keinem Ereigniſſe meines Lebens fand ich das Burleske und Schrekliche ſo eng und nah verbunden. 14
Zwei Jahre nachdem ich Cambridge verlaſſen hatte, befand ich mich als Student in einem der Londoner Hoſpitäler, als ein junges Mädchen aus nie— derm Stande dahin gebracht wurde. Sie zu retten war unmöglich; die Krank⸗ belt, deren Symptome ſich ſehr häufig änderten und einander widerſprachen, ſpottete der Bemühungen der berühmteſten Aerzte; man verſuchte mehrere Ar⸗ ten der Behandlung, aber keine linderte die Leiden. Einige meinten, ſie leide an einem Andrange des Blutes nach dem Herzen; Andere ſchrieben die Krank; heit einem Geſchwüre zu.
Eine Zeit lang glaubte man, die Lungen ſeien angegriffen; ein ander⸗ mal ſah man eine Störung der Funktionen oder auch ein erbliches Uebel. Mitten unter den Schmerzen, die man ſie erdulden ließ, unter den Tränken und Mitteln aller Art, die ſie einnehmen mußte, ſchwand das Leben allmälig und das junge Mädchen ging dem Tode entgegen. Sie war für die Meiſter und Zöglinge ein höchſt intereſſantes Räthſel; der Oberarzt behauptete fort⸗ während, die Krankheit komme von einem Herzleiden her; man ſprach viel und gelehrt darüber, zog Boerhave und Corviſart zu Rathe, rief die erfah⸗ renſten Aerzte zu Hilfe und doch erloſch das Leben immer mehr.
Als die Eltern erfuhren, daß man, an der Rettung des Mädchens ver— zweifle, vermutheten ſie, die Aerzte würden daſſelbe gern öffnen wollen. Um dies zu verbindern, forderten dle beiden Brüder die Zurükbringung ihrer Schweſter in das väterliche Haus. Vergebens ſtellte man ihnen vor, der Trans⸗ port werde die Krankheit verſchlimmern; man übertrieb ſogar die Schwäche der Kranken und die Gefahr, welcher man ſie ausſeze; die Brüder blieben uner⸗ bittlich. Einer derſelben wurde ſogar unwillig und alle meine Ueberredungs⸗ kunſt vermochte nicht, ihn zu beſänftigen; er ſprach endlich ſogar von dem Hoſpitale wie von einer Menſchenſchlächterei und von den Aerzten und Zoͤg— lingen wie von unerbittlichen Mördern.
„Glauben Sie denn,“ fragte einer der Zöglinge, den die Beleidigung aufbrachte,„daß wir ſie nicht wiederfinden würden, wenn wir thun wollten, was Sie vermuthen?“
—„Das wollen wir wohl ſehen,“ antwortete der Herkules mit der kräftigen Fauſt, indem er den Arm ſehr ausdruksvoll bewegte.
Das junge Mädchen wurde aus dem Bette genommen, in einen Wagen gebracht und zu ihrem Vater, fünf Stunden von London, gefahren. Zehn Minuten nachher hatte ſie aufgebört zu leben.
„Wahrhaftig,“ ſagte der Oberarzt, als wir die Nachricht erhielten, „ich gäbe gern 50 Pf. St., wenn ich erfahren könnte, ob ich mich über die Krankbeit des Mädchens getäuſcht habe oder nicht.“
Es bildete ſich in einer Eke des Saales ſogleich eine Gruppe von Stu— denten und jungen Aerzten, welche dieſe Worte gehört hatten. Wir hatten uns für dieſe Krankheit ſehr intereſſirt und unſere Neugierde war nicht min— der groß als die des Oberarztes. Auf unſere Geſahr hin und troz dem dro— henden Abſchiede der Brüder, war unſer Plan bald entworfen; wir ſchwuren, den Leichnam des jungen Mädchens auszugraben, um durch das Oeffnen deſſek—


