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gaben Stoff zu einem recht artigen Gemälde, den Raphael, don Hoffnung be⸗ lebt, wohl zu nüzen gedachte.
Gegen Canova war Dominica indeß nicht ſo willfährig; ſie wußte nicht, welche Geſtalt ſie wählen ſollte. Heute wollte ſie als Proſerpina, morgen als Hebe gemalt ſein, und als endlich der Vater darauf beſtand, daß ſie den bei⸗ den Bewerbern freies Spiel und gleiche Zeit gönnen müſſe, änderte ſte ihre Züge ſo oft, indem ſie bald luſtig, bald traurig ausſah, bald die Augen ſchloß und dann wieder die Lippen einkniff, daß der arme Canova in Verzweiflung ſeinen Pinſel wegwarf und erklärte, es ſei ihm unmöglich, dieſes dem Pro— teus ähaliche Geſicht zu malen. Verſuche es bei Nacht, flüſterte ihm endlich die Hoffnung zu, und Canova gehorchte der Eingebung. Er blieb Nachts ganz allein auf, rief ſich die Zäge des himmliſchen Geſichts, das er ſo oft betrach— tet hatte, ins Gedächtniß, zeichnete, löſchte wieder aus und zeichnete, ſtets mit ſich ſelbſt unzufrieden, immer aufs neue, bis ſein Werk dem Original immer näher und näher kam.— Dominica wünſchte ſich indeß Glül zu dem guten Erfolg ihrer Kriegsliſt, und der gute Volpatti, der eine geheime Nei— gung für Canova hegte, ſchüttelte den Kopf und ſagte:„So geht's nicht, Antonio, du mußt's noch einmal probiren.““ f
An dem beſtimmten Tage wurdenf die beiden Gemälde dem öffentlichen Urtheil ausgeſtellt; ſie hingen neben einander, durch einen diken Vorhang verdekt, bis die Kenner von Rom verſammelt wären. Endlich füllte ſich der Saal; Canova, Volpatti und Raphael ſtanden beiſammen, der leztere mit dem Ausdruk voller Zuverſicht auf ſeinem Geſicht, die ihm die Geringſchäzung ge— gen ſeinen Nebenbuhler einflößte, Canova aber mit einer Angſt, die Begierde nach Ruhm allein wohl nie in ihm erregt hätte. Endlich wurde der Vorhang weggezogen; auf der einen Seite erſchien Eriſichthons Tochter koſtbar geklei— det, wie ſie ihrem Käufer die Hand reicht, und zugleich, ihres Entkommens gewiß, einen ſpöttiſchen Blik auf ihn wirft. Auf der andern ſtellte ſich Do— minica dem Beſchauer im einfachen weißen Kleide dar, eine Blumenguirlande in der Hand. Der Liebhaber hatte einen Theil ſeiner eigenen Herzensreinheit auf das Werk ſeiner Hand übertragen; das Bild ſchlug die Augen mit einem unnachahmlichen Ausdruk von Beſcheidenheit zu Boden, die ihm die Gunſt al— ler Anweſenden gewann. Volpatti drükte Canova's Hand an ſein Herz und rief:„Du haſt ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſen, du allein!“ Die ganze Verſammlung ſtimmte dem Vater bei, und ein alter Künſtler gab der Sache dadurch den Ausſchlag, daß er ſagte:„Morghen hat die Tochter Volpatti's als Sklavin gezeichnet, Antonio aber hat ſie zur Göttin erhoben.“
Man ging nach Hauſe; als aber der Vater ſeiner Tochter Canova als ihren künftigen Gatten vorſtellte, erbleichten des Mädchens Wangen und ihre Augen füllten ſich mit Thränen, die das Herz ihres Liebhabers im Innerſten verwundeten. Dominica wurde indeß bald ruhiger, und von dieſer Zeit an ließ ſie keine Abneigung mehr gegen Canova bliken, weil ſie den Vater liebte und ehrte und ihm zu gehorchen entſchloſſen war. Nur ein einziges Mal gab ſie den Gefühlen ihres verwundeten Herzens nach. Es war am Vorabend ihrer Vermählung: ſie ſaß in der Verandah hinter dem Hauſe, Raphael über ſie geneigt, denn er hatte ſie ſo herzlich um dieſe lezte Zuſammenkunft gebeten, daß ſie ſeiner Bitte nicht zu widerſtehen vermochte.„Wenn der, dem du geopfert


