Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
314
 
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btik, ich hätte gern, daß das Haar noch vollendet würde, ehe du es anders ordneſt. Rufe Raphael.

Das Mädchen öffnete eine Thüre, durch welche Canova ein halbes Du⸗ zend junger Menſchen vor ihren Staffeleien ſizen ſah und rief:Raphael Morghen! Der Gerufene trat ein; an ſeinem Aeußern zeigte ſich nichts Auf⸗ fallendes, einen ſchelmiſchen Blik ausgenommen, den er der Tochter ſeines Meiſters zuwarf. Er ſezte ſich vor das Gemälde und fuhr fort an dem golde⸗ nen Haar zu arbeiten, während ſich Volpatti zu dem neuen Ankömmling wen dete, als ob er jezt erſt ſeine Anweſenheit bemerkte und mit ihm über ſeine Studien ſprach. Volpatti durchſchaute bald das Talent Canova's und nahm ihn in ſein Haus, wo er mit Raphael, deſſen Lehrjahre bereits zu Ende wa ren, in freundſchaftlichem Einverſtändniſſe lebte, obſchon die beiden jungen Leute einander gänzlich unähnlich waren; denn Raphael, ſeiner männlichen Schönheit ſich bewußt, benahm ſich eben ſo frei und angenehm, als Canova ſcheu und linkiſch war. Nur der Meiſter wußte ihn zu ſchäzen, und oft, wenn er die höhniſchen Blike der Mitſchüler bemerkte und ihm dann eine neue Schön⸗ heit in den Arbeiten Canova's auffiel, ſagte er:Kümmere dich um nichts, das hier wird leben, wenn die Andern längſt vergeſſen ſind. Vol patti ſchenkte ſeinen Schülern im Ganzen wenig Aufmerkſamkeit, höchſtens widmete er ihnen zwei bis drei Stunden des Tages, Canova und Raphael aber waren ſeine Lieblinge und durften ſtets um ihn ſein. Ihnen war die ſeltene Gunſt geſtat tet, zuweilen das ſchöne Geſicht ſeiner Tochter Dominica zu zeichnen oder zu modelliren, und wirklich ließ Raphael ſich einſt verlauten, daß nur dies ihn bewege, ſo viele Zeit auf ſeine Studien zu wenden.

Die beiden jungen Leute konnten unmöglich lange in der Geſellſchaft des reizenden Mädchens leben, ohne ein anderes Gefühl als bloße kalte Be wunderung für ſie zu empfinden; ſie wurden Nebenbuhler in der Liebe und in dem Streben nach Ruhm. Raphael flüſterte dem Mädchen ſüße Worte in das Oyr, Canova aber, bei dem das Gefühl der Ehre und Rechtlichkeit vorherrſchte, wendete ſich an den Vater. Volpatti ſelbſt war unentſchieden; er liebte Ca noba ſeines ſanften anſpruchloſen Benehmens wegen, allein er fühlte gar wohl, daß Morghens Perſönlichkeit mehr geeignet ſei, das Herz eines Mädchens zu gewinnen.Vewerbt Euch um ihre Liebe, ſagte er endlich, Ihr habt beide gleiche Anſprüche und gleiche Liebe zu meinem Kinde. Ich ſchlage Euch einen Wettſtreit vor: Dominica ſoll Euch ſizen, malt beide ihr Bild, und wem dies am beſten gelingt, der hat bei ſeiner Bewerbung um ihre Gunſt meine Einwilligung.

Die beiden Jünglinge waren mit dieſer Entſcheidung zufrieden; Canova ſezte ein beſcheidenes Vertrauen in ſeine Kräfte und Raphael hatte ſeine be⸗ ſondern Gründe des Erfolgs ſicher zu ſein. Dominica ihrerſeits faßte ihren Entſchluß; ſie wollte als eine Tochter Eriſichthons gemalt ſein, die, um ih⸗ res Vaters Armuth zu lindern, mehrere Geſtalten annahm, damit er ſie zu wiederholtenmalen verkaufen könne. Zuerſt ward ſie als junge Sklavin ver⸗ kauft, und kaum war das Geld erlegt, ſo verwandelte, ſie ſich in eine weiße Taube und flog davon. Es lag ein Muthwille in dieſer Aufgabe, der Domi⸗ nica's Charakter ganz angemeſſen war. Der Kontraſt zwiſchen ihrem ſchalk haften Geſicht, die Behaglichkeit Eriſichthons und die Begierde des Käufers