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fürchtet, der Soldatenehre etwas zu vergeben„wenn er anders als mit bedek⸗ tem Haupte erſchiene.
Im Garten von Tivoli verſammelt ſich an den lieblichen Sommerabenden eine große, glänzende Geſellſchaft der Pariſer ſchönen Welt. Der ganze Flor an hübſchen Weibern iſt daſelbſt beiſammen. Man findet daſelbſt Spiele aller Art, Thea— ter, Marionetten, Taſchenſpielerkünſte, Scheibenſchießen, Ningſtechen, Muſik und Tanz, für eines Jeden Geſchmak. In einem beſonders eingerichteten Win— kel des Parks, in vorneh mer Zurükgezogenheit ſizt ein Wahrſager in orienta— liſchem Gewande, mit kabbaliſtiſchen Zeichen bedekt und im Zaubergürtel. Seine Kunſt iſt auf dem Anſchlagzettel verkündet, und auf ein beſtimmtes Zeichen verfügt ſich das Publikum zu ihm, um zu ſehen und zu hören, wie es ſo eben vor dem Marionettentheater geſehen und gehört hat. In den elyſäi— ſchen Feldern, unter all dem gemeinen Volke, ſich vor den Stuhl eines plum⸗ pen Betriegers ſtellen, um ſich für einen Franken das Schikſal verkünden und ſein Geld ſtehlen zu laſſen, das iſt trivial, einfältigsund pöbelhaft; im Gar— ten von Tivoli, in anſtändiger Geſellſchaft, bei Muſik und Spiel und glän— zender Beleuchtung, das iſt was anderes. Die Form ſchüzt ein wenig gegen die Lächerlichkeit, und am Ende kann man doch ſo eigentlich nicht wiſſen, ob der Mann nicht wirklich wahrſagt.
Steigen wir eine Stufe höher. In der Rue de Tournon, in der Vor⸗ ſtadbt St. Germain, kann man jeden Tag zu einer beſtimmten Stunde eine Menge Leute in ein gewiſſes Haus eingehen und Equipagen vor demſelben hal⸗ ten ſehen, wie vor einem Wechſelhauſe am Zahltage, oder einem Miniſterpal⸗ laſte zur Stunde der Audienz. In dieſem Hauſe wohnt die berüchtigte Kar⸗ tenſchlägerin Lenormand, bekannt in ganz Paris, die ihr Weſen offen und frank treibt wie einen gewöhnlichen Handel. Sie nennt ſich Buchhändlerin und Verlegerin, iſt aber ihres wahren Gewerbes eine Kartenſchlägerin und bedient als ſolche Klein und Groß gegen und nach Gebühr. In den Vorzim— mern ihrer geſchmak voll und reich eingerichteten Wohnung werden die Eintre⸗ tenden von der Dienerſchaft empfangen, welche ihnen anempfiehlt, die Schuhe zu reinigen, damit ſie die Fußteppiche der Herrin nicht. beſchmuzen. Im Sa⸗ lon ſelbſt harrt die Wunderfrau in gothiſchem Anzuge, und ihre erſte Frage iſt: Für wie viel wollen Sie das Spiel gemacht haben? Je nach— dem die Antwort ausfällt, für zehn, zwanzig, dreißig, fünzig, hundert Franken, wird auch das Spiel einfach oder komplizirt angelegt. Das findet das vornehme Publikum ſo gut in der Ordnung, wie der Rekrut die ganz analoge Frage der Wahrſagerin in den elyſäiſchen Feldern. Für zehn, fünf⸗ zehn Franken hat man begreiflicherweiſe nur ein ſehr gewöhnliches Glük, al— tein da die Hauptbeſucher der Lenormand reiche und vornehme Standesperſonen ſind, ſo thut auch hier die Eitelkeit das Ihrige, und man bezahlt gut und biel um die Wette, und, was noch viel merkwürdiger iſt, man glaubt an die Sprüche der Kartenſchlägerin. Kurze Notizen über Namen und Vaterland des Anftagenden, über ſeine Lieblingsneigungen, die Thiere und Farben, welche er beſonders liebt, ein Blik auf die Linien der hohlen Hand, mehr braucht es nicht, um die dunkle Zukunft zu enthüllen, und z. B. einem Kavalerieoffi⸗ zier vorauszuſagen, daß er in kurzer Zeit einen ruhmvollen Feldzug machen und zum Oberſten vorrüken werde. Ich kenne Damen in Paris, welche vor je⸗


