30⁰ f 5
— 8
Stirm wiſchen und ſodann mit offenem Ohr und Munde, ſtierem N und gehaltenem Athem den hohlen Tönen der Sybille lauſchen.
Ich ſagte eben, die Spielenden können es kaum erwarten ihr Ole zu vernehmen, denn es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſich durch die Sehergabe der Wahrſagerin den Horchenden nur Glüt und Segen offenbart. Nur das Mehr oder Minder kann in Frage kommen und hängt davon ab, welche Auſprüche ſich der Anfragende von Beginn des Orakels baar erkauft hat. Das Alles ſieht und hört er ſo gut wie jeder fremde Zuͤſchauer, dennoch drängt er ſich ungeduldig zu und läßt ſich ſtundenlange das Warten gefallen, wie vor der Thüre des Theaters. Merkwürdig iſt ferner die edle Dreiſtigkeit, mit welcher dieſe ſichtbaren Prieſterinen der geheimnißvollen Zukunſt ihr unberſchleier⸗ tes Spiel treiben. Wie viel der Wißbegierige ungefahr bezahlen könne oder wolle, demgemäß wie viel Glük er zu erwarten habe, ſieht ihm die Wahr⸗ ſagerin mit geübtem Auge an, oder ſie entnimmt es aus einigen Fragen, die ſie an ihn ſtellt. Darnach werden die Farben des Schikſalsgemäldes gemiſcht; ſie ſind mehr oder minder bunt, der Bericht iſt ausführlicher oder kürzer, je nachdem der Lohn ausgefallen. Iſt einmal das Wahrſagerhorn an Ohr und Mund angeſezt und die Redemaſchine aufgedreht, ſo geht die Sache ihren her— gebrachten Gang, und die Neugierde, mit welcher die Wahrſagerin auf dem Stuhle ihre Blike rings umherlaufen läßt, zeigt deutlich, daß ſie an etwas ganz anderes denkt, als an die verborgenen Schikſalsfäden deſſen, welcher in
gläubiger Einfalt vermeint, für den Vetrag von 10 Sous in die Zukunft
ſchauen zu dürfen.
Seit dem eben beſchriebenen Schauſpiele in den elyſäiſchen Feldern habe ich oft mit Vergnügen eine Karrikatur von Charlet betrachtet, die einem ähn— lichen Auftritte ihre Entſtehung verdankt. Der Bauernjunge im Soldateu⸗ role, Rekrut genannt, iſt in Frankreich, wie allenthalben, das naiyſte, leicht gläubigſte Geſchöpf unter der Sonne. Der vornehmſte Charakterzug deſſelben iſt eine unbegrenzte, unglaubliche Eitelkeit auf ſeinen Rok und ſeine Perſon, und das rieſenmäßig Fabelhafte iſt ihm genehm und glaubwürdig, ſobald es dieſe ſeine Eigenliebe kizelt. Im Frieden träumt er in Paris von vornehmen Weibern, Gräfinen und Prinzeſſinen, die ſich in ihn verlieben und die ihn zum Glüklichſten der Sterblichen machen. Cinſtweilen und in Erwartung die⸗ ſer Glüksſonne knöpft er ſeine Kamaſchen und macht links und rechts, und um dem trägen Olüke nachzuhelſen, bringt er von Zeit zu Zeit ſein leztes 20 Solſtül zu der Wahrſagerin oder Kartenſchlägerin. Hier fehlt es natürlich an Prinzeſſinen und Königinnen nicht, und er hat deren, ſo viel er will. Auf der Karrikatur von Charlet ſehen wir nun einen jungen Soldaten vor einem Wahrſager in buntem, geheimnißvollem Anzuge, der ihm mit hochwichtiger Miene ſein zukünftiges Schikſal mit folgenden Worten verkündet:„Eine vor⸗ nehme, reiche, mächtige Prinzeſſin verliebt ſich ſterblich in einen jungen fran⸗ zöſiſchen und blonden Korporal auf der Parade; ſie läßt ihn entführen und in ihre Staaten bringen, wo er freie Wohnung, freie Koſt und freie Wäſche bat.“ Und während der junge Korporal in bausbakiger Glorie ſeiner zu⸗ künftigen Größe horcht und ſich in der Erhebung über ſeine Kameraden ge— fällt, ſtielt ihm der Hanswurſt das Schaupftuch aus dem Czako, den er aus Ehrfurcht vor einer ſo wichtigen Perſon abgezogen hat, er, der ſonſt überall


