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vergeſſen. Whrend dieſer den Boulevards entlang ſeinem Hotel zuſchlendert, ſieht er ſich plöztich von den drei Individuen angehalten, die ihn ſchon wöh⸗ rend des Schauſpiels mit den Zeichen ibrer Freundſchaft überraſcht hatten. „Wie glüklich ſind wir, Sie endlich zu treffen! Während des Theaters war es uns nicht möglich, zu Ihnen zu gelangen, und an der Thüre haben wir Sie verfehlt.“—„Aber, meine Herren—“—„Wie lange ſind Sie ſchon in Paris und warum haben Sie uns noch nicht beſucht? was macht Ihre werthe Familie? wo wohnen Sie?“ und nun erfolgt noch ein Strom von Fragen, wie ſie nur das herzliche Wiederſehen alter Freunde veranlaſſen kann.„Laſſen Sie ſich umarmen, Theuerſter!“ rufen alle drei aus Einem Munde und fallen ihm um den Hals.„Aber, meine Herren,“ erwidert der Fremde, von den ſechs Armen beinahe erdrükt,„es iſt ſicher ein Irrthum, ich bin nicht der, den Sie meinen.“—„In dieſem Falle müſſen wir ſehr um Entſchuldigung bitten, Sie ſo lange behelligt zu haben.“— Verſchwunden ſind die neuen Freunde. Indem der Umarmte ihnen nachſehen will, kommt es ihm vor, als wenn ſein Blik ſehr trübe ſei, und er greift mechaniſch nach ſeinen Augengläſern, aber dieſe ſind fort; die Diebe haben ihm die Brille geſtohlen, deren Einfaſſung glänzend war und von Gold zu ſein ſchien. Der Veſtohlene tröſtet ſich damit, daß die Diebe angeführt ſind, denn die Brille war von Similor.
Es gibt eine Stelle in Paris, von wo aus ich das Panorama dieſes gro⸗ ßen Chaos beſchreiben möchte: Der Pont-neuf. Ein Sprichwort ſagt, man könne nicht über den Pont⸗neuf gehen, ohne einem Schimmel(die Kouriere der Stadtpoſt), einem Geiſtlichen und einem Soldaten zu begegnen. Die⸗ ſes Sprichwort iſt wahr, aber ſehr unvollſtändig. Auf daſſelbe Recht haben noch zwei Menſchenklaſſen Anſpruch, die Dirnen und die Bettler. Ohne ſie wäre der Pont⸗ neuf ſo wenig, was er iſt, als ohne ſeinen Henri IV. Da es nichts in der Welt gibt, was auf dem Pont'neuf nicht zu ſehen wäre, ſo koͤn⸗ nen wir ſicher ſein, die Ueberbleibſel des alten Wunderhofes hier zu finden. Ein neulich vorgefallener Auftritt hat die Erinnerung daran mit neuen Far⸗ ben aufgetiſcht. Ich rede von einem einzigen Fall, wer wollte alle kennen?
Am Eke der Brüke, auf der Seite zunächſt dem Louvre, da, wo ſich die Maſſe der Fußgänger auf die Straße drängt, lag ein armer Teufel, voll Beulen und Wunden, krank und matt, ächzend und klagend, außer Stande, ſich weiter fortzuſchleppen. Es war als ob der Zorn des Himmels ihn mit allen körperlichen Leiden überhäuft, in ihm einen neueren Lazarus geſchaffen hatte. So ſehr das Publikum im Allgemeinen an das Elend in ſeinen grellſten For⸗ men gewöhnt iſt und daher meiſtens gleichgiltig bleibt, ſo konnten doch Viele bei dieſem Uebermaße von Jammer nicht ungerührt vorübergehen. Mancher Pfennig war bereits in den Hut des Kranken gefallen, als ſich durch den Kreis der Umſtehenden ein ältlicher Herr hinzudrängte. Er war ſchwarz gekleidet, hatte ein ſanftes, guthmüthiges Geſicht und ſchien ein Landgeiſtlicher aus der Gegend von Paris zu ſein. So viel Elend ergriff ſein chriſtliches Gemüth und er erinnerte ſich der Gebote des Evangeliums. Allein in dem Augenblike, wo er dem Kranken einige Sols ſchenken will, hält ihn einer der Umſtehen⸗ den, ein Mann aus der unterſten Volksklaſſe, zurük und ſagte:„Sie glau⸗ ben hier einen wirklichen Kranken vor ſich zu haben, Sie halten, was Sie da auf ſeinem Körper ſehen, für wahre Wunden und Geſchwüre, Sie meinen,


