301
dieſer Menſch ſei matt und ſchwach und könne nicht gehen? Das iſt Alles Lug und Trug, eitel Verſtellung. Ich ſage Ihnen, dieſer Mann iſt ſo wenig krank als Sie und ich, und kann eben ſo gut gehen als Alle, die wir hier um ihn herumſtehen; zum Beweiſe will ich ihn bald auf die Veine bringen; erlauben Sie ehrwürdiger Herr.“ Mit dieſen Worten greift der Sprechende nach dem ſpaniſchen Rohre des Pfarrers, welches dieſer ihm willfährig darbietet, und nun fängt er an, auf den Kranken derb loszuſchlagen, der plözlich ſeine Kraft wieder findet und rüſtig davonläuft, der Schlagende hintendrein. Aber das ſpaniſche Nohr mit dem goldenen Knopfe, das ehrwürdige, von Urgroßvater auf den Urenkel überkommene Erbſtük einer achtungswerthen Familie? Man ſehe, wie in dem armen geiſtlichen Herrn elne ganze Reihe von Gefühlen ein⸗ ander ablöſt: Mitleid und Erbarmen, Staunen, Entrüſtung, herzliches La⸗ chen, Bedenklichkeit, Ungeduld“, endlich laut klagende Verzweiflung, da er vergeblich der Rükkehr des improviſirten Rächerſtabes harrt, während Kranker und Arzt, ſobald ſie dem Geſichtskreiſe der Zuſchauer entſchwunden ſind, den gewöhnlichen Schritt einhalten und ſich zur Theilung ihres Raubes anſchiken.
(Beſchluß folgt.)
Zerſtreutheit. (Aus dem New Monthly Magazine.)
Von dem alten engliſchen Schauſpieler Thornton weiß man gar manche poſſirliche und drollige Handlung der Zerſtreutheit, die er übrigens nie a ffek⸗ tirte. Wenn er ausgehen wollte, pflegte er alle ſeine reinen Hemden, eines über das andere, anzuziehen, nachdem er die beſchmuzten, die er ſchon län- gere Zeit getragen, auszuziehen vergeſſen hatte. Wenn er ſich raſirte, traf es ſich nicht ſelten, daß er mit Einemmale in der Mitte aufhörte und mit halb eingeſeiftem Bart auf die Straße hinausging. Gewöhnlich zog er ſich von den Strümpfen einen über den andern an Einem Beine an, und wunderte ſich dann höchlich, wo zum Henker ſein zweiter Strumpf geblieben wäre. Ei— nes Tages ließ er ſich in einem Weinhauſe einen Humpen Wein geben, der unten mit einem Schieber verſehen war; nachdem er einmal ſein Weinglas ge⸗ füllt; zog man den Schieber des Humpens, den man abſichtlich in ein nur wenig in die Augen fallendes leeres Gefäß geſezt hatte, fort, und ſonach war die Flüſſigkeit in das Gefäß ausgelaufen. Nach einigen Minuten, als unſer Thorn⸗ ton ſein Glas wieder füllen wollte, bemerkte er, daß der Humpen leer ſei; er wartete ein wenig, und ließ ſich dann von Neuem einſchenken; nachdem er demnächſt wiederum zwei Gläſer gefüllt, ward derſelbe Streich wiederholt, und als Thornton den Humpen zum Zweitenmale leer ſah, fing er an, ſich an der Naſe zu ziehen, und rieb ſich die Augen, ungefähr ſo, als wenn er ſelbſt darüber im Zweifel geweſen wäre, ob er ein wenig geſchlummert oder nicht; er ließ dann gleich zum Drittenmal einſchenken und bezahlte für die drei Humpen, ohne Zweifel in dem Wahne, daß er ſie alle ſelbſt geleert habe. Wir wollen noch folgende Anekdote von unſerem Zerſtreuten geben, die wir dem Seiltänzer Richer und Anderen zu verdanken haben, die im Jahre 1800 mit ihm zuſammen in Dover ſich befanden. Mrs. Thornton hatte eine kleine


