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Herzen liegt, will ich es Ihnen offen und sub rosa anvertrauen; ich weiß, daß man mit Ihnen etwas ungen ir⸗ ter ſprechen kann. Novitäten? bon! „Clemence Iſaure“ im Hofburg— theater, Benefize der Regie; ſuperbe Komödie voll Minneſängerei und ohne Poe ſie; voll von Rittern und Lang— weiligkeit; Dem. Fournier ſchlecht bis zur Unerträglichkeit: wie denn dieſe Schauſpielerin überhaupt die Geduld und Nachſicht des Publikums auf ſtarke Proben ſezt. Dem. F. vergreift Alles und iſt entſezlich manierirt;— jeden⸗ falls war der Plaz einer erſten Liebha— berin und Heldin noch nie ſo ungenü— gend beſezt.„Wahn und Wahnſinn“ nach Elle est folle von Lembert gefällt im Hoftheater; es wird zugleich in ei— ner Bearbeitung von v. Stubenrauch im Joſephſtädter gegeben, wo es auch reuſſirt, obwohl leztere Bearbeitung (ſie führt den Titel:„der kluge Arzt“) etwas ſchwächer, die Aufführung von Seiten der Schauſpieler viel ſchwächer iſt. Während in der Burg C. La Roche als Arzt ein Meiſterbild ſchafft, reißt Hr. v. Holtey in der Joſephſtadt ein Zerrbild, das ich Ihnen nicht zu be⸗ ſchreiben vermag. Hr. v. H. iſt in ſei⸗ nen eigenen Stüken ein ſehr mittel⸗ mäßiger Schauſpieler— muß er aber etwas Fremdes ſpielen, ſo iſt er vollends unerträglich; in den eigenen Komödien geht das ſo hin: da kokettirt er im- mer als Autoec, ſtatt als Schauſpieler etwas zu leiſten und unſer Publikum iſt— gut. Ueberhaupt hat Hr. v. H. ſo manche eigenthümliche Künſte für das Theater, daß man ihn einen Kou— liſſen⸗L—rx(2) nennen möchte und das wirkt bei Vielen. Man nennt Hrn. v. H. den Preußen, als Verfaſſer des neuen Volksliedes— sapienti sat. An der Wien hat Neſtroy wieder eine Novität gebracht, die ſehr viel Publi⸗ kum ins Theater zieht und über wel⸗
che alle Leute, die ſelbſt Poſſen ſchrei—⸗ ben oder Freunde von anderen Poſſen— ſchreibern ſind, viel zu ſchimpfen wiſ— ſen. Ich aber ſage Ihnen, Neſtroys „Till Eulenſpiegel“ iſt gar nicht übel, und wenn es ſo gut geſpielt wird, wie hier, ſogar amüſant. Sein„Weder Lorberbaum noch Bettelſtab“ iſt eine treffliche Parodie der Singſangkomödie. Das Schauſpiel an der Wien iſt auf eine desparate Weiſe herunter, obwohl Kräfte vorhanden ſind,. Carl ſtudirt jedoch förmlich darauf, nur das Er— bärmlichſte aufführen zu laſſen, alte Stüke mit neuen Titeln zu geben und für Novitäten etwa 15 fl. C. M. Ho⸗ norar zu bezahlen. Die Joſephſtadt iſt thätig, Scheiner ein umſichtiger ener giſcher Direktor. Ginge dieſe Thä— tigkeit ihren edlen Schritt vor— wärts— dann Ehre und Geld dem, der beides verdient! So aber ſind im—⸗ mer heimliche Mitzweke, die das Ganze lächerlich machen, z. B. die Rivalität mit dem Kärnthnerthor-, und nun vol⸗ lends mit dem Burgtheater; dabei kom⸗ men ſolche Niederlagen heraus, wie Bauernfelds vielbeweinter„Fortunat“; das läßt aber nicht nach! Hr. Scheiner hat nur eine gute Sängerin, Mad. Kraus-Wranitzk y.(NB. als Gaſt!!) und zwei erträgliche Lomini: Hr. Kreipl, Tenor, Hr. Illner, Baß, und gibt, „immer nur nobel“, die größten Opern; dabei werden dem Publikum ganz un⸗ beholfene Leute, wie dieſer Hr. Mellin⸗ ger, durch soi disant„gelegtes Feuer“ aufgedrungen“ und Primadonnen, wie Dem. Nordheim, Dem. Vaudis, Dem. Auchter vorgeführt. Endlich auch Neu⸗ igkeiten, wie Grillparzer-Kreuzers,„Me⸗ luſine“, bei deren Anhörung man vol— lends verzweifeln möchte. Ferner hat die Joſephſtadt nur einen Schauſpie— ler, Hrn. Dietrich und zwei artige Damen, Mad. Arbeſſer und Holtey, die jedoch beide ein ſehr beſchränktes


