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dieſe Dinge zu; ja, es könnte leicht ſein, daß wir gerade dleſen gehaͤſſigen Schaalen eine beſondere Verpflichtung ſchuldig würden; denn die fortwährende Vflege und Hütung, deren ſie bedürfen, könnte leicht den Auſterfürſten dergeſtalt in Thätigkeit halten, daß er weder meiner Muhme noch der Verwandt ſchaft viel zur Laſt fällt. Ich habe ein halbes Jahr ganz in der Nähe des Treibens ge⸗ wohnt und weiß daher ziemlich umſtändlich, wie es dabei zugeht. Unaufhörlich ſind eine Menge Diener und Geſellen beſchäftigt, Tag und Nacht bindurch ſchwimmen ſie um den Felſen, und die überall bin vertheilten Aufſeher ſind unermüdlich, Ordnung und Thätigkeit ſtets wach zu erhalten. Eine ganze Ab⸗ theilung der Arbeiter hat das Geſchäft, die Zellen in den Felſen zu höhten, andere pappen und leimen unaufhörlich, um die Unzahl von Schaalen zu Stande zu bringen, wieder andere bringen die jungen Auſtern Nachts an den Strahl des Mondes, daß ſie Kräfte ſammeln und gedeihen mögen; eine ganze Schaar kleiner Geiſter kriecht auf dem Boden des Meeres herum, um die zarteſten Meerthierchen aufzuleſen zur Speiſe für ihre Pflegebeſohlen en; unterdeſſen nehmen andere fürchterliche Ungeſtalten an, um die gefräßigen Raubfiſche vom Felſen wegzuſcheuchen; die gutwilligſten und erfahrenſten Geiſter ſind jedoch dazu beſtimmt, mit den jungen Auſtern Reiſen zu unternehmen, daß auch die Kraft und Fülle fremder Meere in ihr Weſen übergehen und es bilden. In der That, ſollte man wohl meinen, daß ſo viele Anſtalten zur Bildung und Er⸗ ziebung von Geſchöpfen nöthig wären, die doch nur eine höͤchſt niedrige Staffel auf der Leiter der Kreaturen einnehmen? Ich muß geſtehen, daß meine Muh- me und ihre Dienerinen auf die Pflege der Perlen kaum ſo viel Sorgfalt und Bemühungen anwenden, und dennoch, welch ein Unterſchied zwiſchen dem leuchtenden, holdſeligen Perlenauge, das in dem Diadem einer ſchönen Für⸗ ſtentochter glänzt, und der dumpfen Auſter, deren ganze Beſtimmung iſt, ei— nen augenbliklichen Kizel auf den Gaumen verächtlicher Lekermäuler auszuüben!“ Der Oheim hatte dieſe Worte mit dem ihm eigenthümlichen gutmüthigen Lächeln geſprochen.„Ich führe ſie dir an,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe, „zum Beweiſe, wie ich mit meiner ſchönen, geheimnißvollen Freundin nicht nur wunderſame Liebesgeſpräche, bunte und phantaſtiſche Traumreden hielt, ſondern wie ihr lieblicher Mund auch nach menſchlicher Weiſe mit mir zu ſcher— zen pflegte, und wie es ihr gefiel, die Wunder ihres herrlichen Reiches in die mir ſchon geläufigen Bilder und Vergleiche zu kleiden. Indeſſen leuchtet ſchon, ohne daß ich es anzudeuten brauche, der Irrthum hervor, in welchem meine zarte Geliebte in Hinſicht der Eigenſchaften der Auſter ſich befand; ſie theilte ihn mit mehreren vornehmen und weichlichen Damen unſerer Geſellſchaft, die auch nichts von dieſem köſtlichen Juwel einer gutbeſezten Tafel wiſſen wollen, ſondern in ſchnöder Uebertreibung es zum Geſchlechte der Spinnen, Käfer und ſonſtigem widrigen Geſchmeiße zählen und hiemit wit Abſcheu verwerfen. Unſer Streit über dieſen Gegenſtand war ſo kurzweilig und anmuthig, und erwuchs zu einer ſo lieblichen Wichtigkeit, wie jede Kleinigkeit anzunehmen pflegt, die unter zwei Liebenden zur Sprache kommt. Doch ich vergeſſe, daß wäbrend ich bier im Lande des Mährchens lebte, die Zeit darum in der Außenwelt nicht ſtille ſtand.“ »Es wurde mir und meinem Gefährten bange um's Herz, da ein Tag nach dem andern, eine Woche nach der andern verging, und ſich immer kein
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