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an's Geſchäft, Früchte zu ſammeln, verzehrten dieſe in gemeinſchaftlicher Mahlzeit und wählten uns dann ein Lager aus, das, ſo gut die wenigen Mittel, die uns zu Gebot ſtanden, es zuließen, unter Bäumen am Ufer auf— geſchlagen ward. Ein armer Schiffbrüchiger, der ſich in ſein Schikſal ergeben hat, der dem Hiumel für das nakte Leben dankt, Idas die Wellen ihm gelaſ— ſen, braucht ſich nicht vergebens nach Schlaf zu ſehnen; wir ſchlummerten bald in das Land glüklicher Träume hinüber. Es mochte in der Mitte der Nacht ſein, als ich plözlich erwachte, in dem Vewußtſein, als riefe mir Jemand. Sogleich richtete ich mich auf, mein Blik ſuchte den Gegenſtand, den ich dicht vor meinem Lager wähnte; doch ich ſah kein lebendes Weſen— Alles um mich ber war ſtill und im herrlichſten Mondglanze leuchtend. Nie hatte ich noch eine ſo wunderſam herrliche Nacht erlebt. Ein weißer Schimmer lag über dem Meere, das in ſeiner klaren Stille ſich endlos vor mir ausbreitete, vom Sil berglanz überſchüttet, ſtanden die Blumen des Ufers, und leiſe wankten ihre Kelche zu der flüſternden Muſik der nahen Wellen, über meinem Haupte ſtan— den die breiten Fächer der Palmen unbeweglich ſtill, nur hin und wieder ſchwankten ſie und die dunkeln Blätter glänzten im Monde.“
„Wie ich ſo ſaß und um mich ſchaute, überfiel mich eine unendliche We h⸗ muth; Gefühle, wie ich ſie noch nie gekannt, zogen durch mein Inneres; Furcht und Hoffnung, irdiſches Verlangen und ſterblicher Reiz verſchwanden aus meinem Herzen, und ein ſo ſeliger Friede nahm darin Plaz, daß ich, auf meine Hand geſtüzt, weinen mußte, ſo innig weinen, wie ich in meinen Kin⸗ dertagen geweint hatte. Als ich mein Haupt wieder aufrichtete, befremdete es mich nicht, eine Frauengeſtalt nicht weit von mir auf einem Uferſteine ſizen und den Blik ihrer dunkeln Augen auf mich richten zu ſehen. Als ſie merkte, daß ich ihre Geſtalt und ihr Weſen aufmerkſamer betrachtete, begann ſie mit ſüßer Simme zu ſingen, und löſte ſo herrliche Klänge aus beweg ter Bruſt, daß meine Wehmuth und mein Entzüken ſtieg, und ich in einen Zuſtand ge— rieth, wo ich mein ganzes früheres Leben, ja die Welt um mich her vergaß, und wo es mir dünkte, als zöge ich mit weichem, vollem Flügelſchlage über das Meer dahin und mein Auge erſchaute in Höhe und Tiefe alle lieblichen Wunder, die in der Welt verborgen waren. Dazu klangen immer die hellen Töne, die bezaubernden Weiſen meiner Gefährtin. Als ich von dem träume⸗ riſchen Zuge heimkehrte, ruhte mein Haupt am Buſen des ſchönen Weibes, ihr Auge ſenkte ſich in das meine, wie ein helles Silbergewölk flog ihr Schleier und hüllte uns ein, ſo daß der Mond nur verſtohlen unſere Wangen küßte; um uns dufteten die Blumen und die Palmenblätter wehten. Ach! ich fühlte tief, ich war von allem Leid geneſen.“
Der Oheim hielt inne und fügte dann mit leiſer Stimme hinzu:„Dieſe war nun eine Meerfee, eine Undine, wie ſie der weitläufige und gelehrte Au⸗ tor hier nennt, und ich hielt dieſe Meerſee umarmt, ich trank aus ihren Mondſcheinaugen das Gift einer träumeriſchen Liebe, die die Welt' nicht be— greift und achtet.“ Ich ſah den Oheim verwundert an; er erwiderte dieſen Blik mit einem wehmüthigen Lächeln.„Geſtehe es offen,“ rief er,„du fin⸗ deſt, daß ich krank und verwirrt ſpreche, du ſiehſt einen alten Mann vor dir, der mit gebrochenem Auge und ſtammelnder Zunge von einer wunderli⸗


