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Regeln zu bringen und zwar in ſolche, die ihnen für ihre gewöhnliche Lebensver⸗ hältniſſe paſſend und geläufig waren, täppiſch zu greifend, zerbrachen ſie dann die feinen Spiele, die zarten Dichtungen, mit denen ſich alles Lebendige ſchmükt, wie der Schmetterling mit dem duftigen Farbenſtaub, wie die reife Frucht mit dem zarten Schimmer. Hier iſt nun in klägliche Fächer eingetheilt das freieſte Geſchlecht, das vielleicht aus den Händen der Schöpfung hervorging; unförmliche, abenteuerliche Geſtalten ſollen klar vor's Auge bringen, was nur den entzükten und ſchwärmenden Sinnen in dem flüchtigſten Abbild erſcheint, allein dann auch ſtets über alle Vorſtellung binaus ſeltſam und übecraſchend. Dennoch iſt mir der alte Autor in ſeiner naiven Derbheit lieber, als die kalte lieb, und glaubenloſe Weiſe der Neuern. Mein eigenes Leben theurer Sohn, iſt dir ein Zeugniß, wie wir troz unſerer Weisheit in böſen Krieg gerathen können mit dem Reiche des Wunders, und wie es uns öfters über⸗ wältigt und wir im Kampfe untergehen. Die alten räumten in ihrer Kind⸗ lichkeit freundlich den Mährchen einen Plaz ein neben ihren gewohnten Ge— bräuchen und Verrichtungen; ſie wußten wohl, ſie konnten es nicht entbehren; dafür bewies ſich ihnen nun das belebte Element nach ſeiner Weiſe erkenntlich, es liebkoſete iynen, und im Waſſer ſah ein Chor muthwilliger Zaubermädchen, aus den Wäldern keke Faune dem einſamen Wandler entgegen. Bei uns iſt es um Vieles übler, wir können uns nicht ſo frei und unbefangen dem lleblichen Wunder ergeben; wie ſeltſam muß Einer ſich heuzutage geberden, der in's Wunderbare überzugehen ſich entſchloſſen hat! Mit einer wohlgekräuſelten Perrüke, in einem nach neuen Muſtern gemachten Roke, mit Stok und Degen geht er ſeiner neuen Beſtimmung entgegen, ſein Herz klopft fieberhaft, er athmet ängſtlich, denn in ihm lebt die ganze ſüße Schönheit ſeiner Göttin; dann aber fällt ſein Blik auf Hut und Degen, auf Tabaksdoſe und beglei⸗ tendes Möpschen, und er erſchrikt heftig, daß er in dieſem Anzuge erſcheinen müſſe. Es wird laut in ſeiner Seele und die zwei Naturen gerathen in Streit; der wohlangeſehene Bürger der freien Reichsſtadt, der nur an das glaubt, was Staat und Kirche verlangt, disputirt mit dem wunderlichen, kind— lichen Mährchenmenſchen, der an Alles glaubt, wovon Staat und Kirche ſich nicht träumen laſſen. Muß nicht der Arme, in dieſem Zwieſpalte begriſſen, nothwendig eine wunderliche Figur machen?— Wie die grotesken Tänzer des Theaters auf der Rükſeite ebenfalls eine zweite Vorſeite zeigen, doch eine mit jugendlichem Antliz in roſenfarbnem Kleide und ſüßer Miene, und abwech⸗ ſelnd dann in plözlichen Sprüngen bald den alten ſteifen, bald den jungen beweglichen Mann zeigen, ſo geberdet ſich derjenige, welcher heutzutage dem Wunder anheimfällt. Doch genug des Vorworts; höre nun meine Geſchichte ſelbſt.
„Erlaſſe mir die Veſchreibung unſers Schifſbruche; es ging dabei ſo elend und entſezlich her, wie du es bei der Aufzählung von ein Duzend andern Schiffbrüchen ſchon zur Genüge wirſt geleſen haben. Ein Theil der Mannſchaft rettete ſich kümmerlich auf Brettern, ein anderer ging mit dem überfüllten Boote unter, mich nahm ein mitleidiger Kamerad, ein tüchtiger Schwimmer, auf den Rüken, und es gelang uns, den Strand einer kleinen Inſel zu er— reichen, die in ziemlicher Entfernung uns entgegenwinkte. Sie ſchien unbe— wohnt, doch batte ſie ein freundliches, heiteres Anſehen. Wir gingen bald


