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nes Oheims, ſein lautes und heiteres Geſpräch, was mich zurükbannte, und doch wußte ich nicht weßhalb.
Der Abend ging dahin, es war ſchon ziemlich tief in die Nacht hinein, als ich nach ängſtlichem Suchen endlich den Moment fand, meine Entdekung mitzutheilen, und ich that es mit den plözlich ausgeſtoßenen Worten:„Oheim, ich habe in der That etwas gefunden, was nicht zu den Auſtern gehörte.“ Er ſah mich an, ſichtlich erbleichten ſeine Züge, langſam und zitternd legte er die Doſe auf den Tiſch.„Was, mein Sohn, was haſt du gefunden?“ ich zeigte noch in der Schale befindlich die geheimnißvolle Perle. Er wandte ſein Antliz ſchnell ab, ſeltſam zukte es um die hohe Stirn, ein Streiflicht fiel auf Wange und Mund, ſie waren krampfhaft verzogen, mit beiden Händen bedekte er ſein Haupt, und ich hörte ihn tief und aus voller Bruſt ſeufzen; nach einer Pauſe winkte er mir, das Zimmer zu verlaſſen.
Am Morgen wußten es ſchon die Freunde, daß der Oheim nicht reiſen werde, daß er krank geworden ſei. Als er mich zu ſich beſcheiden ließ, ſand ich ihn, wie ich ihn geſtern Abend verlaſſen hatte, die Nacht war ihm ſchlaflos dahingegangen, vor ihm auf dem Tiſche lag noch die Muſchel. Er winkte mich mich zu ſich auf einen Stuhl und blikte, ehe er ein Wort ſprach, mich lange an; ſeine Miene war, obwohl kummervoll und leidend, doch nicht abſchrekend wie geſtern.„Du wirſt wohl wiſſen wollen, Wilhelm,“ hob er endlich an, „weßhalb ich meiven Willen hinſichtlich der Abreiſe ſo plözlich geändert habe, denn mein Unwohlſein leiht für jezt noch keinen hinreichenden Grund; doch wird es bald mit mir ſchlimmer werden. Ja, mein liebſter Sohn, erſchrik nicht, wenn du erfährſt, daß wir uns bald auf immer trennen werden. Eine Stimme, die nicht täuſchen kann, ſpricht zu mir durch dieſe Perle, ſie ver— kündet mir meinen nahen Tod, und ich habe mich in Ergebung zu faſſen ge⸗ ſucht, obgleich mich Anfangs die Botſchaft der fernen Freundin, da du mir ſie geſtern ſo unerwartet brachteſt, nicht wenig außer Faſſung brachte. Du warſt der Zeuge meiner Schwäche, ſei es jezt meines Muthes und meiner Entſchloſ⸗ ſenheit, mit der ich dem Unvermeidlichen entgegengehe.“
Mit dieſen Worten bat er mich, ein Buch, das er mir genau bezeichnete, aus der Bibliothek herüber zu bringen. Es befand ſich in einem für gewöhn—⸗ lich ſorgfältig verſchloſſenen Schränkchen und enthielt, da der Alte es öffnete, den Titel:„Der Waſſergeiſter und Ondinen Weſen und unterſchiedliche Art, ſo wie über deren Wohnung, Zuſammenkünfte und beſondere Hanthierung, ſoweit ſolche zur Kenntniß gelangt.“ Daß der ſeltſame Großoheim derglei— chen ſeltſame Bücher haben mußte, war ganz in der Ordnung, ich verwunderte mich auch hierüber durchaus nicht, nur begriff ich nicht, welche Beziehung die Schrift zu der jezigen Stunde, zu der vereitelten Abreiſe und endlich zu der Muſchel mit der rothen Perle haben könne. Während dieſe Gedanken ſich bunt durcheinander in meinem Kopfe jagten, blätterte er in der alten Schrift, und ein wehmüthiges Lächeln zukte um ſeine Lippen, indem er die hie und da zer— ſtreuten ſeltſamen Abbildungen aufſchlug, wo Geſtalten, halb Fiſch⸗, halb Menſchenleib, zwiſchendurch wunderbare Mädchenkörper, gehüllt in den goldenen Schleier ihrer mährchenhaft üppigen Loken, ſich im Gemiſch von fabelhaften Meerblumen und Seekräutern zeigten. Der alte Autor, der das Werk mit undenklichem Fleiße zuſammengeſtellt, war auf dem Titelblatte im Bilde zu
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