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die Hände, die ſilbernen Wellen klangen wie ferne Wiegenlieder um das ein⸗ ſame Ufer; aber Alles erſchien vergelbt, ängſtlich in Duft gehüllt, ſo weit vom friſchen Leben entfernt, daß der Blik nur mit Trauer auf dem Bilde weilen mochte. Das einzige Band, das zwiſchen mir und dem Oheim ſo feſt blieb, als es ſtets geweſen war, beſtand in der Pflicht, ihm die Auſternſcha⸗ len zu öffnen, denn von dieſem Geſchäfte, das hatte ich ihm gelobt, ſollte mir nur ſein oder mein Tod freiſprechen. Ich ſollte bald freigeſprochen werden.
Der Großoheim war heiterer als gewöhnlich, er hatte Plane entworfen, wieder einmal nach langer Zeit aus dem Bezirk der Stadt, ja ſogar des Lands ſich hinauszubegeben. Es ſollte eine kleine Reiſe zur See unternommen wer— den. In der That, ein kühner Gedanke für den alten, ſtillen Mann; gewiß trieb ihn hiezu kein Eigennuz, auch nicht Veränderungsſucht, lediglich Theil⸗ nahme, herzliches Wohlwollen für mich Undankbaren, der ich mich ſchon ſo weit über den lieben Alten erhaben dünkte. Er wollte mich auf meiner er ſten Ausflucht in die Welt begleiten, mit dem Schaze ſeiner Erfahrung mir zu Hilfe kommen; in dieſer Ausſicht fühlte er ſich wohl und friſch. Nicht ſo ich, es quälte mich dieſer ſeltſame Lebensmuth, mich ängſtigte dieſe träumeriſche Geſchäftigkeit; doch die Freunde, denen wir uns anſchloſſen, drangen heiter und thätig in den Alten; auf meine Gegenvorſtellungen wurde nicht geachtet, es ſollte der Tag der Abreiſe beſtimmt werden. Dazu war jedoch der Oheim nicht zu bewegen, er zögerte und zagte. Unterdeſſen wurden Anſtalten zu ei— nem kleinen Feſtmahl getroffen, die ſchönſten friſcheſten Auſtern waren ange— langt, ich brachte die Schüſſel nach alter Sitte herein, ſie vor den Ohe im ſezend. Er ergriff meine Hand, mit ängſtlich bewegter Stimme, was er den Gäſten zu verbergen ſtrebte, that er die gewohnte Frage: ich gab ihm, wie. immer, die gewünſchte Verſicherung, da erhob er mit ſchneller freudiger Bewe— gung ſein Glas, indem er rief:„Nun, Freunde, wenn denn Alles ſchon fer— tig und gerüſtet iſt, ſo laßt uns morgen mit Gott unſere Reiſe antreten.“ Die Genoſſen freuten ſich nicht wenig, als ſie dieſe Worte vernahmen, ſie ſchlugen herzhaft in die dargebotene Rechte des Oheims, und Frohſinn und gute Laune wurden allgemein.
Nur ich konnte in die laute Heiterkeit nicht einſtimmen, mein Gewiſſen war beladen, ich hatte zum erſtenmal den guten Oheim belogen. Doch freilich, wer konnte wohl dem geringfügigen Umſtande ein beſonderes Gewicht zuſchrei— ben? Bei Oeffnung der verdammten Auſtern, die doch einmal in dieſer Ge⸗ ſchichte eine wichtige Rolle ſpielen, hatte ich allerdings etwas entdekt, was nicht dahin zu gehören ſchien; nämlich in einer der Schalen fand ſich, ſtatt der Auſter, eine glänzende dunkelrothe Perle, die ich als guten Fund zu mir ſtekte und weiter nicht viel mehr daran dachte. Jezt, da ich mich allein fand und mein Gewiſſen, wie geſagt, mir Vorwürfe machte, holte ich ſie wieder hervor, und der Himmel weiß weßhalb, ſie erſchien mir jezt bedeutungsvoll und äußerſt wichtig. Die Röthe war mir beſonders auffallend, ich hatte wohl von gefärbten Verlen gehört, doch von keiner, die eine ſo dunkle und entſchie⸗ dene Farbe zeigte; es mußte wohl gar ein koſtbares Stük ſein, und wer konnte mir über ihren Werth beſſer Auskunft geben als der Oheim? Mit der geheim nißvollen Muſchel in der Hand wollte ich wieder in das Zimmer treten, doch hielt mich 12 unerklärliches Gefühl zurük; es waren die fröhlichen Blite mei—
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