Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
246
 
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taſtelos dar; dieſe Strenge und Fol⸗ gerichtigkeit iſt bei einem ſolchen Cha⸗ rakter nur zu loben. Allein ſollte in der Szene, wo der König das Bild ſeines Vaters für deſſen Geiſt anſieht und vor ihm niederſinkt, zu Gunſten des Dichters und der Geſchichte keine Ausnahme zu machen ſein? Ha zeigt Ludwig Pyantaſie, die, ſonſt beherrſcht durch dieKönigin Ver nunft, hier durch das böſe Gewiſſen angeſtekt und aufgeſtört wird. Der Künſtler mag indeß ſeinen Grund ha⸗ ben zu der Beſchränkung, die ſichtbar aus dem Streben hervorgeht, ein i de ales, ſchönes Bild auszuarbeiten; auf der andern Seite beweiſt ſich, daß die hohe Kunſt des Gaſtes kein u n⸗ mittelbares Geſchenk der Natur iſt, ſondern mit ſcheidendem und rich tendem ſchar fen Bewußtſein, durch Fleiß und Studium, zu der Höhe geführt wurde, wo wir ſie bewundern müſſen. Denn bewundern muß man einen Künſtler, der mit überwiegenden Ver ſtandeskräften, welche an ſich verein⸗ zelnd wirken, einen Charakter zu kom⸗ poniren verſteht, der täuſchend und, ſo zu ſagen, ſprechend dem ähnlich ſieht, was das Genie durch Takt und ange⸗ bornen glüklichen Wurf ohne ſolche ab⸗ ſichtliche Anſtrengung zu ſchaffen pflegt. Am Freitag zeigten die ſpaniſchen Nationaltänzer ihre originelle Kunſt zum erſten Male in derStummen don Portici, einer Oper, die durch ihre Beziehung zu ſpaniſchen Verhältniſſen ſehr wohl dazu geeignet war, und uns daher auch ſchon immer ſpaniſche Tänze gezeigt hatte. Frei⸗ lich aber nicht ſo eigenthümliche, durch ganz beſonderen Charakter ausgezeich⸗ nete, als dieſe. Die Tänzer ſtellen nichts von unſrer gewöhnlichen Vallet kunſt dar, woran indeſſen nicht viel verloren geht, da dieſelbe ungefähr ſo mit der wahren Kunſt zuſammenhängt,

wie die altfranzöſſſche Gartenkunſt mit der Naturſchönheit. Dagegen gaben ſie uns durchaus charakteriſtiſche, aus le⸗ bendiger Nationalität entſpringende Bewegungen, Geſten und Gruppen, die ſich, obgleich weniger, fein doch durch natürliche Grazie auszeichneten. Die kleinen, behenden Geſtalten beſi⸗ zen eine außerordentliche Gewandtheit. Das Koſtüm war prächtig und nationell⸗ geſchmakvoll. Die Tänzerinen darf man, namentlich die eine, ſehr hübſch nennen; welche? dies wäre unhöflich zu beſtimmen. Der Beifall des Publi⸗ kums war äußerſt lebhaft, wie denn auch das Haus, troz des ſchönen Früb⸗ lingstages, der faſt einen Sommertag antizipirte, ſehr gefüllt war. Mit dem Uebrigen der Opernvorſtellung ha⸗ ben wir, da ſie von den gewöhnlichen nicht abwich, nichts zu thun, und würde dieſelbe auch überhaupt nicht un⸗

ſeres vikarirenden Amtes ſein. König sſtädtiſches Theater. Am 4. April trat Olle. Vial(vom Hoftheater zu Turin) als Roſine, in Roſſini'sVarbier von Sevilla, zum erſten Male auf. Die junge Künſt⸗ lerin iſt uns von ihrem Ruf empfohlen und zeigte ſich dieſer Empfehlung ſo würdig, daß unſer Publikum gleich bei

dieſer erſten Gaſtrolle der Virtuoſität der Künſtlerin hohe Achtung zollte, indem ſie nach dem lebhafteſten Beifall ſchon am Schluß des erſten Akts geru⸗ ſen wurde. Die Stimme iſt von ſelte⸗ nem Umfang, glokenrein in der Höhe, klangvoll in den mittleren und tiefen Tonen. Der Vortrag hat volle Kraft, die ſelbſt in den Enſemble's vordringt, eine Milde, die auch in den ein ſachſten Tönen wirkt, und eine ſo leichte Bieg⸗ ſamkeit, daß alle Schwierigkelten der Schule überwunden ſind, als ob es keine wären. Im Splel zeigt die Künſt⸗ lerin italieniſche Beweglichkeit und

eine ſehr marktirte Geberdenſprache.