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gehen konnte, ohne die Wohnung jenes Streitſüchtigen zu ſehen, welcher An⸗ blik ihm die Freude über die ſchönſte Ausſicht verdarb. Er ließ deshalb Bäume rflanzen, um das Haus vor denſelben nicht zu ſehen, aber die Bäume wuchſen lang ſam und das Haus war hoch. Da las er einſt in einem alten Philoſophen und ſtieß auf die Stelle:„Bringe einen Berg zwiſchen dir und den Böſen.“ Voltaire bedachte ſich nicht lange und ließ zwiſchen den beiden Häuſern einen Hügel aufwerfen, welcher ſo hoch war, daß er ihm ſogar die Schornſteine des Nachbarhauſes verbarg.— Der jezige Veſizer der beiden Häuſer läßt in die⸗ ſem Augenblike jenen Hügel wieder abtragen.
Haare und Nägel der Todten.
Es geſchieht manchmal, daß die Haare und Nägel nach dem Tode, troz der Zerſezung des Körpers, noch fortwachſen. Das Journal des Savans er—
wähnt eines Frauenzimmers, bei der man 45 Jahre nach der Beerdigung fand, daß ſich ihr Haar durch die Spalten des Sarges hindurchgezwängt hatte, und daß es beim Anrühren zerbrökelte. Während des Mittelalters wurde auf ſol⸗
che Erſcheinungen hin ein Todter als Hexenmeiſter betrachtet.
Teitung der Novitäten und Anſichten.
Theater.
Berlin. Königliches The⸗ ater. Am 4. d. M. ſpielte Hr. Sey⸗ delmann in v. Auffenberg's Schauſpiel: „Ludwig XI., in Peronne“ die Rolle dieſes Königs und erntete abermals den gebührenden Beifall. Er geht nie auf Vointiren und Hervorheben einzelner Momente zum Nachtheil des Zuſam⸗ menhanges aus, nech läßt er ſich ver⸗ leiten, eine ruhige Szene um des Ef— fekts willen, wie ſonſt wohl Schauſpie⸗ ler thun, zu beſchleunigen. Solche kleinliche Rükſichten für das Publikum kennt Hr Seydelmann nicht, die ob— jektive Rolle zu befriedigen, gilt ihm als Geſez. Seine Darſtellung iſt bis in das kleinſte Detail ausgearbeitet, und er bleibt in der ganzen Rolle der Beſonnene, ſein berechnende Künſtler, der ſich nie vergißt, nie ſich gehen läßt. In dieſer Weiſe gab Hr. Seydelmann
„Ludwig XI.«“, und bewies, daß er es verſteht, was ihm die Beobachtung und das Studium einzeln geliefert, in ei⸗ nem ununterbrochenem Guſſe als Mei⸗ ſterwerk hinzuſtellen. Das betrachtet Ref. eben als die große Kunſt, an dem geehrten Gaſte, daß er ein Ganzes zu ſchaffen verſteht und man ſelten ſa⸗ gen kann: dies iſt gelungen oder: je⸗ nes iſt ſchön!„Ludwig XI.“ mußte ihm beſonders zuſagen, da es bei ihm auf feine Zergliederung der Seele ankam, nicht auf tiefes Gefühl: Alles iſt bei Ludwig dem Ganzen der Berechnung unterthan, ſelbſt ſeine heuchleriſche Verehrung des heil. Julian und ſein ganzes Benehmen mit dem Himmel; ſein Erſchreken iſt nur ein Umſtürzen oder Rütteln an dem Gedanken, der gleich wieder ſeine vorige Stellung ge⸗ winnt. Nur über einen Punkt möchte Ref. an dem Spiel des Künſtlers eine Bemerkung machen. Herr Seydelmann ſtellt den„Ludwig“ durchaus als phau⸗


