Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
237
 
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behrte, doch ſchlicht und gut gemeint ſeine Wünſche, ſeine Gefühle und ſeine Liebe kund gab aufs Aeußerſte. Sie wagte es vor allen Anweſenden ſeiner Treuherzigkeit und ſeiner Gefühle zu ſpotten, und als er ſie von innern Käm⸗ pfen erzitternd, bat, ihren Ton zu ändern, da fuhr ſie erſt fort in liebloſen Worten ſich zu überbieten. Eine männliche Thräne im Auge zerdrükend, ſagte er, mit kaltem entſezlichem Tone:Mein Fräulein, wären Sie ein Mann, ich müßte Sie erſuchen, einen Gang mit mir zu machen! Den Blumenſtrauß, den er ihr zu überreichen gedachte, aus Blumen gewunden, die er ſelbſt ge pſtanzet und gewartet hatte, zerriß er und ſtürmte hinaus in die dunkle Nacht. Eben begann die Muſik, und ſie gab ſich gerne dem Gewühle dieſer rau⸗ ſchenden Luſt dahin, die Vorwürfe ihres erwachenden Gewiſſens zu übertäuben; doch kaum war alles in froher Bewegung, als vom Schloßthurm die Mitter nachtsſtunde ſchlug, und mit dem lezten Seigerſchlage, ein Schuß ſiel, der das ganze Gebäude erſchütterte. Die Muſik ſchwieg, Alles rannte an die Fen ſter und auf den Valkon, die Dienerſchaft eilte ſchnell mit Lichtern herbei, und ein furchtbarer Schrei des Entſezens durchzukte die Verſammlung, als man Julius leblos hingeſtrekt, und in ſeinem Blute ſchwimmend, auf der Gartenteraſſe fand. e

Eine Pauſe trat ein, alle Zuhörer waren tief erſchüttert. Als ſich Eu genie geſammelt hatte, fuhr ſie fort:Erlaſſen Sie mir die Schilderung des zügelloſen Schmerzes, der ſich des alten, troſtloſen Vaters bemächtigte, der Gewiſſensbiſſe, die das unglükliche Mädchen unaufhörlich quälten, und ſie an trieben jene entſezliche Stelle zu fliehen, wo der treue Liebende gleichſam zu ihren Füßen ſein Leben aus hauchte, und ſeine treue Liebe mit dem Tode be ſiegelte. Ihre Mutter verſtieß ſie, Alles wendete ſich mit Abſcheu von ihr, nur ich fühlte Mitleid für ein Weſen, das durch falſche Anſichten, Leichtſinn und Eitelkeit an den Rand des Verderbens gebracht ward, und die Mörderin des edelſten Mannes geworden. Ich nahm mich ihrer an, und an meiner Seite durcheilte ſie den größten Theil Europas, da ich eben eine ſolche Vergnügungs reiſe beabſichtigte. Vergebens hatte ſich für ſie die Natur mit ihren unendli chen Reizen geſchmükt, die Kunſt ihre Tempel geöffnet, ein finſtrer Geiſt machte ſie theilnahmlos, trieb ſie raſtlos von Ort zu Ort, die Ruhe ſuchend, die ſie nirgend fand. Jederzeit um Mitternacht hörte ſie den verhängnißvollen Schuß, und wiederhohlte ſich in ihrer Phantaſie die ſchrekliche Szene jenes Vallabends, daher ſie ſich von jeder Geſellſchaft zurük zog, und jedes ſpäte. Zuſammenſein mit anderen Menſchen ſorgfältig vermied; nur heute

Amaliens Tante wurde hier von einem Diener unterbrochen, der ſie ſchnell an das Lager ihrer unglüklichen Nichte berief, und deſſen verſtörte Miene Unheil verkündete. Jede ärztliche Hülfe war vergebens, und noch in derſelben Stunde verſchied Amalie, mit dem Namen Julius auf den erſter⸗ benden Lippen, in den Armen ihrer troſtloſen Freundin. N ö

Als Gulden nach Hauſe kam, ließ er eilig Poſtpferde beſtellen, von weh⸗ müthigen Gefühlen durchſtrömt warf er ſich in die Chaiſe, und eilte nach Marſeille. Ein ſegelfertiges Schiff trug ihn und ſeinen Schmerz in die neue Welt hinüber. Joh. Langer.