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Weſen, die Göttin ſeines Herzens, der Inbegriff aller Tugend und Vollkom—⸗ menheit, ſeines Strebens und ſeiner Wünſche höchſtes und einziges Ziel, ſo herzlos ſein ſollte, ihn zum Lükenbüſſer ihrer Langeweile, zur Zielſcheibe ihres Spottes zu machen; er hielt es für kleine Launen, für liebenswürdige Ka⸗ prizen, wenn ſie ihn oft unzart behandelte. Die Warnungen ſeines ſcharfſe— henden Vaters nahm er zwar dankbar an, glaubte aber ihren Grund blos in einer übertriebenen Aengſtlichkeit und Sorgfalt des Alters und ſeiner übergro⸗ ßen Zärtlichkeit für den einzigen Sohn zu finden. Er verſicherte, wenn hievon die Rede war, daß jede Sache ihre Schattenſeite haben müſſe, da hiedurch die ſchönen Vorzüge nur deſto erfreulicher hervorträten, und ſelbſt die wohlthätige, ſegensreiche Sonne ihre Fleken habe. Dieſe kleinen Makel machen ſie nur um deſto reizender, und die Liebe ſei ein blindes, muthwilliges, fröhliches Kind, wie es ſchon von den Alten richtig charakteriſirt und abgebildet wurde. Nach ſolchen Vertheidigungen zog ſich Jedermann zurük und überließ den jungen verblendeten Mann ſeinem Schikſale. Er ſelbſt erlaubte ſich gegen ihre Launen nur manchmal eine leiſe Andeutung, die gewöhnlich mit einer ſpöttiſchen Miene und einem car tel est notre plaisir erwidert wurde, worauf er ſeine Anſtren⸗ gungen, ſich Amalien gefälliger zu machen, verdoppelte. Daß ſein fühlendes Herz bei ſolcher Behandlung ſehr litt, zeigte ſein Ausſehen, und ſeine wan⸗ kende Geſundheit. Er mochte wohl zulezt fühlen, daß er ſeine heiße Liebe an einen Gegenſtand verſchwende, der unfähig war mit gleichen Gefühlen zu er— widern, und die Größe ſeines Opfers zu würdigen, daher er ſichtlich dem Grabe zuſchritt, zum großen Bedauern ſeiner Vekannten, die ihn als einen wakern Jüngling kannten und ſchäzten, und ſeines troſtloſen Vaters, der den einzigen Sohn, die gehoffte Freude ſeines Alters, unrettbar dem Verderben zueilen ſah.
Eines Tages hatte ſich eine zahlreiche Geſellſchaft, zum Geburtsffeſte Amaliens, aus der Stadt zuſammen gefunden; einige Tanten hatten einen Zug junger Herren in ihrem Gefolge, die noch immer nicht die Königin ihrer Feſte vergeſſen hatten, und die Gelegenheit benüzten, derſelben jene bekann— ten Huldigungen darzubringen, die ihnen um ſo geläufiger waren, da ſie die⸗ ſelben ununterbrochen jeden Abend allen Mädchen des Zirkels, den ſie eben be— ſuchten, wiederhohlten. Amalie ſchwamm in einem Meere von Entzüken; ſo viel Schönes, Schmeichelhaftes und Angenehmes hatte ſie lange nicht gehört, und obgleich Julius ſich nie ihrer beſondern Gunſt rühmen konnte, ſank doch ſeine Wagſchale im Vergleiche mit den honigſüßen Schmeichlern um deſto tie⸗ fer. In ſeinem prunkloſen Kleide vom eben nicht modernſten Schnitte, nahm er ſich neben den Zierpuppen, die dem lezten Modenkupfer aus dem Rahmen geſprungen ſchienen, ſonderbar genug aus, und das unhöfliche Wispern und Deuten der jungen Herrchen jagte das Blut ins Geſicht des eitlen Mädchens, das insgeheim beſchloß, um jeden Preis, und auf immer den verhaßten, be— harrlichen, unbehol fenen Liebhaber von ſich zu entfernen, und zugleich den fei⸗ nen und galanten Städtern hierdurch zu zeigen, daß man ihr keinen ſolchen ſchlechten Geſchmak zutrauen dürfe. Hatte ſie ſich bereits über ſein Aeußeres in Wizworten erſchöpft, ſo brachte er ſie durch ſeinen Glükwunſch— den er in einem einfachen Gedichte, das aus ſeiner Feder floß, und zwar der über— ſpannten Metaphern einer überbildeten oder eigentlich verbildeten Poeſie ent⸗


