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dem Gemach zurük gekommen war. Kaum von ihrer Beſtürzung erholt, de⸗ ſtürmten ſie die Gäſte mit tauſend Fragen, um Aufſchluß über dieſe ſonderbare Begebenheit zu erhalten, und da ſie in den Augen der Gattin des Geſandten las, daß die Geſellſchaft nur ihren Wünſchen Worte gegeben hatte, begann Eugenie dem Verlangen entſprechend folgende Erzählung:„Meine Nichte Amalie iſt die einzige Tochter eines reichen Landedelmannes, deſſen Beſizungen an den Ufern des Mains gelegen, und der bereits in den Jahren ihrer Kind⸗ heit aus dem Leben ſchied. Ihre Mutter war bemüht, ihr eine ſorg fältige Er⸗ ziehung zu geben, und ihre mit jedem Jahre ſich mehr entfaltende Schönheit, verbunden mit einem edlen Gemüthe, hatte ihr bald alle Herzen gewonnen, und die junge Männerwelt in der Reſidenz überbot ſich, ihr alle Huldigung darzubringen. Den ſchädlichen Eindrüken vorzukommen, welche dieſe Galante— rien auf das unbewachte unerfahrne Herz des Mädchens hervorbringen könnten, zog ſich die Mutter nun auf ein entferntes Landgut, weit vom Geräuſche des Stadtlebens, in faſt klöſterliche Einſamkeit zurük; allein es war zu ſpät, die weibliche Eitelkeit war bereits aus dem Schlummer erwacht, der plözliche Wechſel der Umgebung, die troſtloſe Einförmigkeit, die ſie im ſchneidenden Kontraſte mit der lärmenden Vergangenheit umgab, berührte Amalien höchſt unangenehm. Mit jedem Tage ſehnte ſie ſich mehr nach der geräuſchvollen Haupt⸗ ſtadt und in die glänzenden Geſellſchaften zurük, die ſie verließ, und zu den Schmeichlern, die Ohr belagerten. Außer dem Verwalter und dem Pfarrer des Ortes ſah ſie niemand, und auch dieſe, zu ſehr mit den Obliegenheiten ihres Standes beſchäftiget, konnten weder über Theater noch über Bälle, Mo⸗ den und Tagsbegebenheiten berichten, da ſie mit den Vedürfniſſen der Stadt⸗ welt gänzlich unbekannt waren. Ihre Bücher, ihre Staffelei und ihr Klavier, früher manche freundliche Abwechslung bietend, genügten ihr nun nicht mehr, denn von wem ſollte ſie ſich vorleſen laſſen, wer bewunderte ihren Pinſel, und wer applaudirte und ſtarb vor Entzüken zu ihren Füßen, wenn ſie eine große Belliniſche Arie ſang?—
Endlich brachte der Veſuch des angränzenden Nachbars eine kleine Ab⸗ wechslung in ihr Stillleben. Der alte Obriſt von Au kam mit ſeinem Sohne Julius eine Standesbiſite zu machen. Julius erſchien mit klopfendem Herzen, denn das Gerücht von den Reizen ſeiner jungen Nachbarin war ihm bereits zu Ohren gekommen, und er wänſchte ſehnlich, daß die Wirklichkeit die Sage nicht Lügen ſtrafen möchte. Er ſah ſie und ward angenehm überraſcht, denn Amalie übertraf weit das Bild ſeiner Phantaſie. Er war ſehr vergnügt über die neue Vekanntſchaft, deſto weniger war es Amalie; ihr war der junge, offne, gutherzige, unverdorbene Menſch zu unbeholfen, zu ſtille, zu läppiſch; feine Veſcheidenheit nahm ſie für Veſchränktheit des Geiſtes, ſein ſtilles Ent⸗ züken, das nicht wie die Galanterie der Städter in lauten Wortſchwall ausbrach, für Gefühlloſigkeit; kurz, beide waren hinſichtlich ihres Charakters und Ge⸗ müthes den Polen des Magnets vergleichbar, und während der junge Baron ihr Bild tief im Herzen trug, beſchloß das eitle Mädchen ihn zum Spielball Ahrer Laune zu machen, um auf dem einſamen Lande doch irgend einen Zeit⸗ wertreib zu haben. Anfangs ging die Sache ſo ziemlich gut, der Betrogene ſah, vor Freude in Amaliens Nähe gelitten zu ſein, nicht welche Rolle er ſpielte; ſelne Gutmütigkeit ließ ihn nicht vermuthen, daß jenes engelgleiche


