Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
234
 
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Oi irren, Herr Marquis, unſere Uhr g

Sie irren, Madame, die Uhr iſt pünktlich

Die Uhr iſt halb eilf. N

Es iſt unmöglich!

Lächelnd wies der Marquis nach der Uhr über dem Kamine, der Zeiger ſtand fünf Minuten äber halb eilf. Mehrere Herren, die den Streit hörten, traten hinzu und wieſen voll Gefälligkeit ihre Zifferblätter; jede Uhr zeigte balb eilf vorüber.

Was iſt das, Eugenie 2 fragte beſtürzt die junge Dame.

»Sie werden doch zugeben, ſiel der Marquis ein,daß es wahrſchein⸗ licher iſt, Ihre Uhr ward unrichtig geſtellt, als ſämmtliche Uhren der anwe⸗ ſenden Herren fehlerhaft ſein ſollen?

Auf Eugeniens Zureden beruhigte ſich Amalie endlich, auch der Graf hatte auf ſeine Uhr geſehen ſie zeigte bald dreiviertel auf zwölf Uhr. Jezt erinnerte er ſich deſſen, was ihm der Marquis auf dem Boulevard ver traute, dieſer ſtand ihm gegenüber und legte mit bedeutungsvoller Miene den Finger auf den Mund, ihn gleichſam ſtillſchweigend aufzufordern, Nichts zu verrathen, von dem was im Werke war.

Das Geſpräch um den Sopha ber Hausfrau kam bald wieder in den Gang, als plözlich ein rauſchendes Muſikſtük aus dem Saale herüber tönte, und die Tanzluſtigen mit ſchmetternden Tönen dringend aufforderte, ſich in die Reihen des Kontretanzes zu begeben. Oraf Gulden war ſo glüklich, die Zuſage ſeiner reizenden Landsmännin zu erhalten, und ſelig wie ein Gott ellte er mit ihr nach dem Tanzorte. Hier hatte ſich bereits eine glänzende Reihe geordnet und der ſchöne Tanz begann. Die maleriſch'ſten Figuren wur den gebildet und die Arrangeurs erhielten den lauteſten Beifall von den verſam⸗ melten Zuſchauern, die aus den Konverſationszimmern und von den Spieltiſchen berbeigeeilt waren. Die ſchöne Amalie ſchwebte, eine anmuthige Grazie, am Arm des Grafen dahin, Gulden war auf dem Gipfel des Glükes, dennoch konnte er ſich einer gewiſſen Aengſtlichkeit nicht erwehren, wenn er der von Minute zu Minute näher rükenden, verhängnißvollen Stunde gedachte, die Amalle noch ſern glaubte da mitten im rauſchenden Wirbel, unter Schmettern der Trompeten, flog, von der Heftigkeit des Sturmwindes der, indeß hier ein ewiger Frühling zu herrſchen ſchien, von außen wüthete einer der großen, wahrſcheinlich ſchlecht verwahrten Fenſterflügel auf, und ein kalter Luftſtrom brohte die zahlreichen Lichter des Saales zu verlöſchen. Die Schwingen des Windes trugen den dumpfen Glokenſchlag der zwölften Stunde vom Thurme der nahen Domkirche herüber und in demſelben Augenblike erſchütterte ein heftiger Knall das Gebäude. Gewaltſam reißt ſich Amalie aus den Armen ihres erſchrolnen Tänzers, und wendet ihren Blik nach dem offenen Fenſter Julius! Julius! du rufeſt mich ich komme! ruft ſie mit verzweifeln der Stimme und ſinkt dann ohnmächtig zu Boden. Der Tanz iſt unterbrochen, die Muſik ſchweigt, die Geſellſchaft rennt beſtürzt durcheinander, die Ohn⸗ mächtige wird ſchnell in ein Nebengemach gebracht und eilig um einen Arzt geſendet.

Ein Kreis von Neugierigen umſtellte Eugenien, die, um ihre Nichte bei der Ftau des Hauſes wegen des unangenehmen Vor falls zu entſchuldigen, aus