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Die Citadelle von Civita Vecchia iſt von Michel Angelo gebaut worden, der auch Kriegsbaumeiſter war, weil er Alles war. Sie vertheldigt ſich durch ſich ſelbſt, hat weber Soldaten noch Kanonen, und ſezt ihren Feinden nichts als das päbſtliche Wappen an dem Thore entgegen; dies vertritt die Stelle der Batterien und der Garniſon.
Auf dem Wege erzählte mir der Offizier von Antonio Oaſperoni und ſei⸗ nen fünfundvierzig Morden.„Man muß ſchaudern, ſagte er, wenn man ſich vor dieſem fürchterlichen Banditen befindet. Er hat ſtebzeyn Jahre lang die römiſche Campagna verwüſtet. Aber ſeine ſchreklichſte That iſt folgende. Hs⸗ ren Sie: g
„Auf ber Straße von Neapel hielt er den Extrapoſtwagen eines mit ſeiner Tochter reiſenden Engländers an, nahm dem Engländer alles Geld ab, that ihm nichts zu leide und ließ ihn reiſen, behlelt aber das Mädchen zurük, das ungewöhnlich ſchön war. Gaſperoni nahm ſie mit in das Gebirge. Der unglükliche Vater ſezte, ſobald er in Nom angekommen war, einen Preis auf den Kopf des Räubers, und der Stolz Gaſperonts empörte ſich gegen diese Anmaßung des Lords. Ein einfacher engliſcher Bürger einen Preis auf den Kopf ſeines berühmten Banditenhauptmanns ſezen, der den Päbſten den Krieg erklärt und den Dragonern der päbſtlichen Regierung zwanzig Schlachten ge⸗ liefert hatte! Eines Morgens erhielt der Engländer in Rom ein Käſtchen un⸗ ter ſeiner Abreſſe; er öffnete es ſchnell, und der unglükliche Bater fand darin den Kopf ſeiner Tochter!“
Bel dieſer Entwikelung wich ich zehn Schritte zurlk, ja es that mit leid, in die Eitadelle gegangen zu ſein; das Bauwerk Michel Angelo's war jezt in meinen Augen nur eine Menagerie für Tiger.
Eine Mauer mit zwanzig Kerkern ſtand ml zur Linken, zur Rechten ſah ich lange offenſtehende und nach dem Hofe zu gehende Jenſter; auf der Gal⸗ lerie gingen zwanzig Räuber auf und ab, die bel meinem Eintritte ſaͤmmtlich ſteben blieben. Ich mußte bei dem Gedanken lachen, die Vande Gaſperoni zum Stehen gebracht zu haben. Sie grüßten mich höflich, was mich wieder beruhigte, denn, die Wahrheit zu ſagen, es war mir unter dieſen Mördern und Näu⸗ bern nicht eben wohl zu Muthe. Ich fragte nach Antonio Gaſperoni; alle Hände zeigten nach ihm; er ſtand an der Thür ſeines Gefängniſſes. Er hielt es wahrſcheinlich unter ſeiner Würde, mir entgegen zu kommen und grüßte mich blos. Es war ſchwer das Geſpräch zu beginnen, und ich eröffnete es enb⸗ lich mit einer unbedeutenden Frage, indem ſch alle meine Kekheit in den Ton meiner Stimme legte:„Nun, Oaſperonk,“ ſagte ich,„befinden Sle ſich wohl hler?“
„Man kann ſich nie wohl befinden, wenn man ſeine Freiheit entbehren muß,“ antwortete er achſelzukend, wie er es ſtets zu thun pflegte.
—„Sie haben ſich alſo von den Dragonern fangen laſſen 24
„Ich? Mich würde nie Jemand gefangen haben. Ich ergab mich mit meiner ganzen Truppe. Der hellige Vater hatte mir dle Frelhelt verſprochen, aber er hat mir nur das Leben gelaſſen.“ f
Der Offizier, mein Begleiter, zog mich in eine Eke und ſagte:„Ich will Ihnen erklären, wie die Sache gekommen iſt. Gaſperoni war des Lebens übertrüſſig, bas er ſeit fünfzehn Jahren führte. Eines Tages beichtete er


