Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
162
 
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3 162 1 ſie that oder vollbrachte, und was man Andern nicht ſelten als Unziemlichkeit verwieſen haben würde. Stellte die kleine Spina bei beiligen Feſten nun gar einen Engel vor, erſchien ſie in ſe leuchtender Schönheit, und wußte dabei Fragen und Antworten vorzubringen, daß männiglich ſich verwunderte, und ibre Mutter ſie nicht blos einen Tag, ſondern wenigſtens vier Wochen für ein über⸗ irbiſches Weſen hielt). 1 f

Auf dieſe Welſe näherte ſich Spina dem jungfräulichen Alter und ihre Mutter hatte die Genugthuung, daß Alle, welche das Mädchen ſahen, es ſaſt eben ſo ſehr als ſie ſelbſt bewunderten, die körperlichen ſowohl als die geiſti⸗ gen Vollkommenheiten. Was dieſes betrifft, ſo hatte Spina einigen Fleiß daran gewendet, diejenigen Künſte zu lernen, wodurch man den Augen der Leute gefallen, und ſich vor Andern aus zeichnen kann. Tanzen, fingen, un⸗ terhaltende Märchen erzählen und muntre wie ſchmachtende Lieder und Roman⸗ zen mit der Guitarre zu begleiten, verſtand ſie gar nicht übel, und dabel blieb ſie Niemanden eine Antwort ſchuldig, ſo daß ſie unter ihren Bekannten und Geſpielinen in dem Rufe ſtand, ſie könne gleich gut Räthſel aufgeben wie rathen.

Nun begab es ſich aber, daß Spina's Mutter erkrankte. Als es immer ſchlimmer mit ibr ward, und ſie daran gedachte, daß der Abſchled aus dieſer Zeitlichkeit gekommen ſei, fiel ihr der Gedanke ſchwer aufs Herz, wie es dem verweichlichten Schooß töͤchterchen, wenn ſie nicht mehr Alles ausgleichen und zum Beſten kebren könne, auf dieſer Welt ergehen werde, und ob es der Stiefvater nicht etwa künftighin gleich den übrigen Kindern, oder wohl nicht einmal ſo gut halten werde. Sie rief daher Gabriel an ihr Siechbett und verlangte ſolche Verſicherungen von ihm, welche ihr in Beziehung auf Spina das Scheiden vom Leben erleichtern könnten. Der gute Gabrkel, welcher die Kranke herzlich liebte, gab ihr das felerliche Verſprechen, ſelner Stleftochter kein Leides zu thun, noch dieſelbe am Mutter- oder Vaterthell zu verkürzen, auch ſie nicht früher von ſich zu thun, als bis ſie ſelbſt in und ſein Haus zu verlaſſen begehre, dem künftigen Gatten zu folgen; dieſen aber wolle er ihr, als ſei ſie ſein leibliches Kind, verſchaffen und auswählen. Hamit war die Dame zufrieden, nur verlangte ſie nur noch, und faſt mit dem lezten Seuf⸗ zer, daß er Spina zu keiner Heirath zwingen, noch ihrer ſelbſteigenen Wahl entgegen ſein wolle. Da Gabriel ſelner Frau das gelobt hatte, entſchlief ſie, nach zuvor ſchon abgelegter Beichte, ohne ſonderlichen Kampf zu dem Geſchlk, was uns Allen nach dieſer Zeitlichkeit bereitet iſt: nämtich einem Jeglichen, ſeinen Lohn zu empfangen, je nachdem er bei Leibes Leben gehandelt, es ſei gut oder böſe. f

Gabriel, als er ſein Weib, ihrem Stande und ihren Tugenden gemäß begraben und beweint, auch keine geringe Anzahl Meſſen zum Heil ihrer armen Seele beſtellt batte, zeigte ſich nicht minder bedacht, den der Sterbenden Hin⸗ ſichts Spina gegebenen Verſprechungen in allen Stüken nachzukommen. Wle das Mädchen nun von Tage zu Tage voller aufblühte, gedachte der Vater,

) Den bei den gelſtlichen Prozeſſionen und Umgängen als Engel verklei⸗ deten Kindern wird von 9 Volksglauben noch ſezt für den Tag des Feſtes ein gewiſſer Grad von Heiligkeit zugeſchrieben.