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* weihte ausſchreien, um mit pee Gewiſſen den Ertrag meines armſeligen Feldes zu rauben.“
„Pardieu“! ſagte der Edelmann,„wenn ich jemals König von Frank—
reich werde, ſo will ich die Steuern aufheben und das Volk unterrichten laſ— ſen.“—„Gott erhör euch,“ erwiderte die Alte. Hierauf näherte ſich der Herr dem Tiſche, um zu eſſen; aber in demſelben Augenblike hielt ihn ein neues Klopfen an der Thuͤre davon ab. Die Frau öffnete, und ſah wiederum einen von Regen durchnäßten Kavalier, der ſie um Gaſtfreundſchaft bat. Sie ward ihm zugeſtanden, und als er eingetreten, fand es ſich, daß es wieder ein junger Mann, und wiederum ein Edelmann war.
„Du biſt es, Heinrich?“ ſagte der Eine.
„Ja, Heinrich,“ ſagte der Andere.
Beide hießen Heinrich. Die Alte vernahm aus ihrer Wesel daß ſie zu einer großen Jagdparthie gehörten, welche König Karl IX. hielt, und die das Ungewitter zerſtreut hatte.„Alte,“ ſagte der Neuangekommene, „kannſt du uns nicht noch etwas geben?“—„Nichts,“ erwiderte ſie.—„So müſſen wir theilen,“ ſagte er. Der erſte Heinrich verzog das Geſicht; als er jedoch den entſchloſſenen Blik und die kräftige Haltung des zweiten Heinrich ſah, ſprach er verdrießlich:„Theilen wir denn!“— Er dachte, beſſer, daß ich mit ihm theile, als daß er Alles nimmt. Sie ſezten ſich hierauf einander gegenüber, und ſchon war der eine im Begriff, das Brod mit ſeinem Dolche zu zerſchneiben, als zum Drittenmale an der Thüre geklopft ward. Seltſa— mes Zuſammentreffen! noch ein junger Mann, noch ein Heinrich. Die Alte betrachtete ſie mit Verwundern. Der erſte wollte den Käſe und das Brod ver— bergen; der zweite ſtellte Alles wieder auf den Tiſch und legte ſeinen Degen dabei. Der dritte Heinrich lächelte.
„Ihr wollt mir alſo nichts von eurem Abendeſſen geben?“ ſagte er,„ich kann warten, ich habe einen guten Magen.“„Das Abendbrod“, ſagte der erſte Heinrich,„gehört von Rechtswegen dem, der zuerſt kam.“—„Das Abendbrod,“ ſagte der zweite,„gehört dem, der es am beſten zu vertheidigen weiß.“— Der dritte ward roth vor Zorn, und ſagte ſtolz:„Vielleicht ge— hört es dem, der es zu erobern verſteht.“— Kaum waren dieſe Worte aus— geſprochen, als der erſte Heinrich ſeinen Dolch ergriff, und die beiden andern ihre Degen zogen. Schon wollten ſie handgemeng werden, als zum Viertenmal geklopft wird, und ein vierter Edelmann, ein vierter junger Mann, ein vierter Heinrich hereintrat. Beim Anblik der bloßen Degen zog er den ſeini— gen, ſtellte ſich den ſchwächſten zur Seite, und griff ungeſtümer Weiſe an. Die Alte verbirgt ſich voll Angſt, und die Degen zertrümmern Alles, was ſie erreichen. Die Lampe fällt um, erliſcht, und jeder ſchlägt im Finſtern um ſich. Der Waffenlärm dauert eine Zeitlang, wird dann nach und nach ſchwächer, und endet zulezt ganz. Hierauf wagt es die Alte, ihren Schlupf— winkel zu verlaſſen; ſie zündet die Lampe wieder an, und ſieht, wie die vier jungen Leute auf der Erde hingeſtrekt, und alle verwundet waren. Doch mehr aus Ermüdung als durch Blutverluſt waren ſie hingeſunken. Einer nach dem andern erhob ſich wieder, und beſchämt über ihr Benehmen, lachten ſie und ſprachen:„Wir wollen in Einigkeit und ohne Groll mit einaader eſſen.“ Sie ſahen ſich nach dem Abendbrode um, aber es lag auf der Erde, zertreten


