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ihn in das Schloß geheimnißvoll einen Becher bringen, den er ſorgſam verbarg. Den andern Tag lud er den Lieutenant Alib zu ſich ein.
Der Mamelukenoffizier ſtellte ſich pünktlich ein, und ward freundſchaft⸗ lichſt von ſeinem Landsmanne empfangen. Sie hatten einander ſo viel zu ſa⸗ gen, wenn nur einmal ang efangen war. Ruſtan begann zuerſt von Armenien und allen ſeinen Erinnerungen; ſie wünſchten einander Glük zu ihrer Lauf⸗ bahn; dann erzählten ſie ihre Abenteuer. Alib hatte Armenien nach dem Tode Nephthalies verlaſſen, die einem Grame unterlag, den ſie nie entdeken wollte. Warum ſie eingewilligt batte, Alib zu heirathen, war ein Geheimniß, das er nur durch die natürliche Unbeſtändigkeit, der Frauen und die Abweſenheit Ruſtans zu erklären wußte, welche ſie einer andern Liebe zuſchrieb. Kein Wort von dem Becher! Auch Ruſtan ſprach nicht davon, ſchien vielmehr ab⸗ ſichtlich dieſen Gegenſtand zu vermeiden. 8
Die Stunden vergingen ſchnell bei den Geſprächen, welche die beiden Mameluken in die Heimath und die glükliche Jugendzeit zurükverſezten. Die Einrichtung des Zimmers Nuſtans verſtärkte die Täuſchung noch, und die Ge⸗ richte, welche man auftrug, waren die vaterländiſchen.
Mit einemmale gab Ruſtan ein Zeichen; ein armeniſch gekleideter Die⸗ ner trat herein und überreichte mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten ſeinem Herrn einen Becher. Dieſer ſtand auf, berührte ihn mit' den Lippen und reichte ihn ſeinem Gaſte. Bei dem Anblike deſſelben ſtürzte Alib, erſtaunt, überraſcht, wie vom Blize getroffen nieder, Ruſtan entfernte ſeine Leute und eilte ihm zu Hilfe.
Die Blike Alibs waren unſtät, ſeine Worte ohne Zuſammenhang. Was ſagte er? Er ſpricht von der Eatwendung eines Bechers, von einem Mädchen, das ſich gegen die Gewalt ſträubt, bittet und fleht, und zu dem Altare ge⸗ ſchleppt wird, um einen falſchen Schwur zu ſchwören. Warum dieſe Worte des Verbrechens und der Reue, die er hervorſtammelt? Warum verlangt er, man ſolle den zarten weißen Körper von ihm entfernen, den der Tod, ſagt er, kaum berührt zu haben ſcheine? Warum wiederholt er, er wolle ein Leben enden, das immer von der verflucht worden ſei, welche er ſo ſehr geliebt, daß er ſich, um ſie zu beſizen, den ſchreklichen Strafen ausgeſezt habe, welche der Prophet für die beſtimmte, die die heilige Gaſtfreundſchaft verlezten? Und— was bedeutet die gräßliche Ruhe, welche plözlich auf dieſen Wahnſinn folgt?
a„Alib!“ ſprach Ruſtan,„geh, ich verzeihe Oir; Du warſt nur das blinde Werkzeug des Schikſals, welches mir den Plaz an der Seite Napoleons angewieſen hatte; komm wieder zu Dir. Die Prüfung war zu ſtark.“
Alib erlangte allmälig den Gebrauch ſeiner Sinne und ſeines Verſtandes wieder; ſeine Blike richteten ſich ängſtlich auf die Tafel, und er ſah den Be- cher wieder. Es war der, welchen er einſt geraubt hatte, der Becher Ruſtans, mit welchem der Beſiz Nephthalies verbunden war. Wie war dieſer Becher nach Paris, in die Tuilerien gekommen, da er ibn doch ſelbſt in den Euphrat ge— worfen, und nur ſeinen Schmerz und ſeine Reue behalten hatte, von denen er ſich nicht befreien konnte? Alib erfuhr es nie.
Ruſtan ſah troz der Zeit und der Entfernung jenen Becher noch immer vor ſeinen Augen, und hatte ihn Odiot ſo genau beſchrieben, daß der Künſt⸗ ler ihn täuſchend ähnlich nachzubilden vermochte.


