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die ſorgſame Pflege Nephthalies erlegen, deren Blik ihn bat, für ſie zu le— ben, für ſie, deren Geliebter er war, deren Gatte er werden ſollte.
Die Krankheit wich nur langſam, und in den Stunden der langen Ge— neſung unterhielten ſich die Liebenden gern von den Entwürfen ihres Glüks, von ihren Einrichtungen und allen den tauſend Kleinigkeiten, welche der Wi— derſchein derſelben Täuſchung, die Bilder deſſelben Traumes, und deshalb ſo ſüß und wonnereich ſind.
Der Kranke war endlich geheilt. Die Familie verſammelte ſich, und nachdem man dem Himmel dafür gedankt hatte, daß er die Hoffnung in den jungen Herzen erneut, ſezte Ruſtan den Becher zuerſt an ſeine Lippen, und ſodann wurde er wohl hundertmal gefüllt und geleert. Nur Einer der Gäſte war traurig und betrübt bei der allgemeinen Freude— Alib, der Jugend— freund, der Spielgenoſſe Ruſtans, der Sohn des reichſten Mannes im Lande; Alib, ſtolz auf ſeine Stärke und Gewandtheit, Alib, dem die Augen der jungen Mädchen mit ſo großem Wohlgefallen folgten, Alib, der aber nur eine liebte— Nephthalie, die Verlobte Ruſtans, ſeines Freundes.
Unter ſeinem Augenliede ſchien ein Unglük kündender Funke zu erglühen, als Ruſtan den Becher in die Hand nahm, Nephtalie auf die Stirn küßte und dann ſprach:„Meine Geliebte, bei dieſem Becher unſerer Ahnen ſchwöre ich, nur Dir allein, Dir für das ganze Leben anzugehören. Dieſer Becher, der uns heilig iſt, möge das Pfand meiner Treue ſein. Auf Dein Wohl, Nephthalie, und unſer Glük, leere ich ihn aus!“
„Und ich,“ fuhr dann Nephthalie begeiſtert fort,„ich gehöre von die ſem Augenblike an dem Becher Ruſtans, ihm allein und dem, welcher ihn be— ſizt; ich ſchwöre es!“
Was ging in dieſem Augenblike in der Seele Alibs vor? Das war ein Geheimniß zwiſchen ihm und den böſen Geiſtern der Wüſte; aber ein kaltes, düſteres Lächeln glitt über ſeine dünnen, zuſammengepreßten Lippen, ſo daß ſein ſchmaler Schnauzbart zukte.
Wenige Tage nach dieſer Szene ſuchte die wieder vereinigte Familie ver— gebens den Becher; er war entwendet. Nephthalie weinte, und Ruſtan ent— fernte ſich, ſchäumend vor Zorn und Wuth. Er ging nach dem Gebirge zu, als jage er einer Beute nach, die er gewiß ereile.
Eine ganze Woche verging, und erſt nach dieſer Zeit ſah die weinende und betende Mutter Ruſtans ihren Sohn zurük kommen, aber er war bleich, niedergeſchlagen, ermüdet. Er umarmte ſchnell ſeine Mutter, erwähnte Neph— thalie nicht, blikte aber ſehnſüchtig nach der Wohnung des jungen Mädchens und entfernte ſich von neuem.
Wahrſcheinlich glaubte er bei ſeinem Aberglauben, mit dem Becher ſei— ner Ahnen ſei alles Glük für ihn und Nephthalie verloren.
1 3.
Aegypten hallte vom Waſſengeräuſche wieder. Zwei nebenbuhleriſche Völ— ker trafen hier wie in Turnierſchranken auf einander; zwiſchen dem Meere und den Pyramiden kämpften die Franzoſen und die Engländer an den Ufern des Nils um den Beſiz des Ganges; in der Wüſte ſtritten ſie Mann gegen


